Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

308 
1. Die Wiederzulassung der Sonderkrankenkassen 1949 
a) Außerparlamentarische Interessenkonstellationen 
In der Diskussion über die Einheitsversicherung und vor allem die Vereinheitlichung 
der Sonderkassen hatten die Fronten sich seit 1945/46" differenziert und teilweise 
verändert. Insgesamt gilt für die französische Zone eine ähnliche Interessenkonstel 
lation, wie Hockerts sie für die Bizone aufgezeigt hat und Reidegeld für Berlin. Dies 
war auch insofern nicht anders zu erwarten, als die in den Nachkriegsjahren disku 
tierten Probleme Grundelemente des sozialen Sicherungssystems betrafen, deren 
Gestaltung bis heute umstritten ist. Sieht man von den rein kriegsfolgenbedingten 
Aspekten ab, so kehren zahlreiche Sachargumente aus der Diskussion der Jahre 
1945-1949 noch in den gegenwärtigen ordnungspolitischen Auseinandersetzungen 
um die Sozialpolitik wieder/ Doch führten die unterschiedlichen Bedingungen im 
Südwesten zu Abweichungen, besonders im Bereich des Parteienspektrums. Auch in 
der französischen Zone zerfiel die Front der Verteidiger der Einheits-Krankenver 
sicherung allmählich, aber im Vergleich zur Bizone blieb sie dennoch geschlossener. 
Die Zeitumstände waren für die Einheitsversicherung nicht günstig gewesen. Die 
vielfachen Kriegsfolgen, aber nun auch die Folgen der Währungsreform, in der die 
Sozialversicherung ihre seit 1945 langsam wieder aufgestockten Rücklagen erneut 
weitgehend verlor, hatten die Leistungen der Ortskrankenkassen nicht, wie von 
diesen erhofft, dem Niveau der Leistungen der Angestellten-Versicherungen angenä 
hert und nach 1948 auch zu Beitragserhöhungen geführt. Damit verloren die Anhän 
ger einer Einheitsversicherung ihre besten Argumente. Daß angesichts der zahlrei 
chen Sonderfaktoren, welche das Leistungsniveau in der Nachkriegszeit belasteten, 
ein objektiver Leistungsvergleich auf der Basis der Erfahrungen dieser wenigen 
Jahre nicht oder nur unter sorgfältiger Einbeziehung aller außergewöhnlichen Ein 
flüsse zu ziehen gewesen wäre, ging in der harten politischen Auseinandersetzung 
vielfach unter. Entscheidend war diese Sondersituation der Nachkriegsjahre inso 
fern, als sie zum Zerfall der Fronten der Befürworter einer Einheitsversicherung 
beitrug und die Interessenverbände der Sonderkassen an Rückhalt in den Kreisen 
der Versicherten gewannen. Schon vor der Währungsreform lief die Diskussion 
wieder zögernd an, doch als die politische Debatte Ende 1948 voll aufbrach, wurden 
die Landtage der französischen Zone mit einer wahren Flut von Stellungnahmen von 
Verbänden, Kassen, Betrieben und einzelnen Betroffenen eingedeckt. Eine Unter 
schriftenaktion bei ehemaligen Mitgliedern der aufgelösten Kassen in der französi 
schen Zone erbrachte 165 000 Unterschriften für die Wiederzulassung der Sonder- 
kassen. 4 
2 Vgl. dazu oben S. 237 ff. 
3 Vgl. beispielsweise zusammenfassend die einleitend zitierten Beiträge zu der Tagung des 
Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen im September 1983, in: Albers u. a., 
Strukturfragen. 
* Stolt,S. 157.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.