Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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wurden primär für die Zwecke der Invalidenversicherung eingesetzt. Daher wandten 
sich die Ortskrankenkassen scharf dagegen, gegebenenfalls die Landesversiche 
rungsanstalten - wie es nahelag und wie es in der Reform in Hessen-Pfalz 1945 schon 
ansatzweise zum Ausdruck kam - zu Trägern einer alle Zweige der Sozialversiche 
rung umfassenden Einheitsversicherung zu machen. 18 
Am weitgehendsten entsprach der schließlich durchgeführten Lösung ein Konzept 
christlicher Gewerkschaftler und AOK-Vertreter aus Württemberg, das der Gesund 
heitsdirektor der Baden-Badener Militärregierung, Sarramon, Ende Februar bei 
einer Besprechung mit AOK-Vertretern in Reutlingen anforderte. 19 Es spiegelt die 
Schwierigkeit christdemokratischer Reformpositionen zwischen dem Streben nach 
einheitlichem Leistungsniveau einerseits und der Ablehnung anonymer Massen-Or- 
ganisationen andererseits wider. Diese Ablehnung, kristallisiert im Schlagwort der 
Nähe zum Versicherten, wurde in den folgenden Jahren zu einem der Hauptargumen 
te im Kampf gegen die Einheitsversicherung. Eine auf Länderbasis organisierte, 
sämtliche Versicherungszweige erfassende Landesversicherungsanstalt, wie sie der 
Kontrollrat zur gleichen Zeit plante, wurde aufgrund der Zentralisierung, der unter 
schiedlichen Risiken in Kranken- und Rentenversicherung und der Gefahr der 
Zweckentfremdung von Krankenkassenbeiträgen zur Sanierung der Rentenversiche 
rung abgelehnt. Eine landeseinheitliche Krankenkasse, welche der Unfall- und der 
Rentenversicherung ihre Eigenständigkeit belasse, führe gleichfalls zur zentralisti 
schen Bürokratisierung und spare nicht einmal Verwaltungskosten, da dann örtliche 
Verwaltungsstellen eingerichtet werden müßten. Die Berücksichtigung regionaler 
Besonderheiten in der Wirtschaftsstruktur werde unmöglich. Die Selbstverwaltung 
werde ausgeschaltet, und die Entfremdung zwischen Kasse und Versicherten drohe 
die Kasse zu einem Ausbeutungsobjekt der Versicherten werden zu lassen. Als 
Lösung der Probleme erscheine die Einheitskasse in Form der Bezirkskasse nach 
Versicherungsamtsbezirken, mit eigener Finanzhoheit und Selbstverwaltung. Sie sei 
einfach zu organisieren, da sie lediglich die Auflösung der Ersatz- und Betriebskas 
sen sowie der einzigen, mitgliederschwachen Württemberger Innungskasse und ihre 
Überführung in die Ortskrankenkassen erfordere. Eine solche Einheitskasse schaffe 
den gerechten und vollkommenen Risikoausgleich, auf den die Ortskrankenkassen ein 
moralisches Recht haben, und gleiche das Leistungsniveau im lokalen Rahmen an. 
Allerdings seien einige Argumente, die für die Erhaltung der Betriebskassen ange 
führt würden, anzuerkennen: die mißbräuchliche Ausnutzung der Einheitskasse sei 
Ebd. In den Akten des VdO, vor allem Az. 103 und 1048, finden sich zahlreiche weitere 
Memoranden, Protokolle und Briefe, welche die Argumentation der Ortskrankenkassen 
detailliert zu verfolgen erlauben. Vgl. insbesondere Bericht der AOK Donaueschingen an die 
MR Konstanz, 8. 10. 1945, sowie die unten S. 264 ff. zitierten Berichte über die Durchfüh 
rung der Reform. 
Der spätere Landtagspräsident Gengier und Doberneck, Leiter der AOK Rottwei! bzw. 
Reutlingen, waren federführend für den Bericht in den Fragen I. Einheitskasse für die Kran 
kenversicherung, II. Erhaltung und Ausbau der Leistungsfähigkeit der Krankenkassen vom 
5.3. 1946, der am 7.3. in einer leicht gekürzten Fassung nach Baden-Baden ging; beide 
Fassungen in StA SIG Wü 180/451.
	        

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