Title:
Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953
Creator:
Hudemann, Rainer
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-460664
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-460876
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die ungerechtfertigten Anforderungen der [Baden-Badener] militärischen Versorgungs 
verwaltung zum Vorwand dafür zu nehmen, der Besatzungsmacht die Verantwortung für 
sämtliche Übel zuzuweisen, unter denen sie leidet. Dadurch, daß ich als Generaldelegier 
ter gezwungen bin, offensichtlich unhaltbare Positionen zu verteidigen, wird meine 
Autorität kompromittiert. Die Armeeverwaltung sei teilweise immun gegenüber politi 
schen Problemen, 8 und die Staubwolke aufgeblähter Verwaltungsapparate mit den 
großzügig nachgeholten Familien (Parasiten der Besatzung) wirke wie ein Heuschrek- 
kenschwarm. Die Kosten dieses Apparates zwängen zudem dazu, nach illusorischen 
Einsparungen in den deutschen Landeshaushalten zu suchen und damit die in drei 
jähriger Arbeit verfolgten politischen Ziele der Besatzung aufs Spiel zu setzen. Hart 
kritisierte der Gouverneur unter anderem, daß er gegenüber dem Ko 
blenzer Landtag mehrfach zu Einsprüchen gezwungen worden sei in Bereichen, die 
nach der französischen Verordnung Nr. 95 9 und nach der deutschen Landesverfas 
sung nunmehr in deutsche Kompetenz fielen. Damit hatte der Gouverneur einige 
Kernprobleme formuliert, die nicht nur für die Wirkung der Besatzung auf die 
Bevölkerung, sondern auch für das Urteil der nachfolgenden Forschung weithin 
charakteristisch geblieben sind. 
Dafür, daß die französische Besatzungspolitik im Vergleich zur Politik von Briten 
und Amerikanern als besonders hart erscheint, ist zunächst die bislang als recht 
kompromißlos geltende und offenbar erst unter anglo-amerikanischem Druck all 
mählich aufgeweichte offizielle Deutschlandpolitik der Pariser Zentrale aus 
schlaggebend. 10 * Auf die Ziele einer Beherrschung des Saarlandes, einer Abtrennung 
des Ruhrgebietes von Deutschland und einer Zersplitterung des Deutschen Reiches, 
deren Phasenentwicklung Raymond Poidevin zuletzt zusammengefaßt hat, 1 ' wird im 
Zusammenhang mit dem Problem der französischen „Obstruktionspolitik“ im Kon 
trollrat 1945 und ihren Beziehungen zur praktischen Besatzungspolitik zurückzu 
kommen sein. Vor allem Wilfried Loth hat herausgearbeitet, daß hinter dieser harten 
Linie jedoch schon früh, und über die aus der Resistance kommenden Sozialisten 
hinaus, im innenpolitischen französischen Spektrum auch die Kräfte an Boden 
8 impermeables auxproblemes politiques. 
9 Die Verordnung Nr. 95 (9.6. 1947) erweiterte die politischen Zuständigkeiten der deut 
schen Verwaltung, behielt der Militärregierung zugleich aber wichtige Gebiete wie die 
gesamte Wirtschaft vor. Beispiele für die von Boislambert kritisierten französischen Verstö 
ße gegen die Verordnung Nr. 95 bei Henke, Politik der Widersprüche, S. 84 f.; siehe ebenso 
Konstanzer, Weisungen. Text der Ordonnance No. 95 in J. O. CCFA, S. 783 f.; Ausfüh 
rungsverfügung Nr. 218 dazu ebd., S. 796. Ausarbeitung und Anwendung der Verordnung 
harren noch einer systematischen Untersuchung; zu Grundzügen s. Hudemann, Zentralis 
mus, S. 202 ff. 
Vgl. dazu insbesondere: Grosser, La IV e Republique; ders., Affaires exterieures; 
DePorte; Kiersch, Parlament; Sharp; grundlegend nach wie vor Schwarz, Vom Reich 
zur Bundesrepublik, und Ziebura; Lipgens, Bedingungen, und ders., A History of Europe 
an Integration, bes. S. 201 ff.; BariEty u. PoiDEvrN; Weisenfeld, Welches Deutschland; 
Fritsch-Bournazel, Frankreich; dies., Die Wende. Zur Österreichpolitik siehe Sandner; 
Lettner. 
Poidevin, Die französische Deutschlandpolitik. Vgl. u. a. ders., Frankreich; ders., Neu 
orientierung; ders., L’Allemagne.
        

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