Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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Im Vergleich zu den anderen deutschlandpolitischen Forderungen ist das Argument 
in der Forschung meist weniger beachtet und gelegentlich eher als taktisches Schein 
argument eingestuft worden. 38 Dies liegt auch daran, daß es im Kontrollrat und der 
Öffentlichkeit verständlicherweise nicht verwendet werden konnte, sondern nur im 
internen Verkehr der Westalliierten zum Tragen kam. Inzwischen erweist sich je 
doch, daß seine Bedeutung für die innerfranzösische Willensbildung größer war. In 
die grundsätzlich antikommunistische Linie von de Gaulle und Bidault fügte es sich 
von vornherein ein. 3 ’ 
Schon in den Juli-Direktiven wurde davor gewarnt que des fractions considerables du 
potentiel allemand soient assimilees, dans leur interet exclusif, par d'autres puissances 
qui pourraient s'en servir de moniere dangereuse pour la paix dans un avenir plus ou 
moinsproche. 40 Die wenige Tage nach Verabschiedung dieser Direktiven eingerichte 
ten Deutschen Zentralverwaltungen in der sowjetischen Zone betrachtete Paris von 
vornherein als — in sowjetischer Sicht — Kern einer künftigen deutschen Zentral 
regierung. Das interministerielle Comite beschloß am 8. September ausdrücklich: 
le Gouvernement fran^ais ne reconnait pas le caractere de Gouvernement allemand d 
l’organisme qui a ete cree ä Berlin par le commandement sovietique, und im Vorfeld der 
Londoner Konferenz sammelte die politische Direktion im Quai d’Orsay auch Mate 
rial aus Zeitungen der sowjetischen Zone, welches die sowjetische Zielsetzung beleg 
te. 41 Clay’s politischer Berater Murphy erklärte Anfang Oktober auf die These von 
Tarbe de Saint-Hardouin, daß la simple execution des Accords de Potsdam ... presque 
formulierte Murphy am 19. 2. 1946 (an Byrnes, FRUS 1946 Bd. 5, S. 504 ff., hier S. 506) die 
Furcht der Franzosen /hat the United States will lose interest, eventually withdraw front 
Germany, and that some fine morning they will wake up and find themselves face to face with the 
Russians on the Rhine, wie Mitglieder der französischen Kontrollratsmission es im privaten 
Gespräch ausgedrückt hätten. Für spätere Epochen vgl. beispielsweise Caffery an Marshall, 
7. 2. 1947, FRUS 1947 Bd. 2, S. 154 f.; Caffery verwies darauf, wie oft de Gaulle und Bidault 
ihm bedeutet hätten, es ginge ihnen in Wirklichkeit nicht um die deutsche Gefahr als solche, 
sondern um ein gestärktes Deutschland under Soviet auspices. 
38 Vgl. etwa Graml, Die Alliierten, S. 109 f. Ähnlich die Tendenz von Schreiner, S. 54. 
39 Die antikommunistische Komponente beherrschte neben der anti-gaullistischen auch noch 
ein Gespräch Georges Bidaults mit dem Verf. in Paris am 6. 12. 1980. Wurde die in der 
Resistance angelegte anti-gaullistische Haltung Bidaults, die auch seine Memoiren durch 
zieht (D’une Resistance ä l’autre, Paris 1965), durch die Erfahrungen während des Algerien 
krieges noch wesentlich verschärft, so war der Antikommunismus ein durchgehendes Ele 
ment des politischen Denkens dieses Christdemokraten. 
40 Document No. 3, wie Anm. 16. 
41 Beschluß vom 8. 9. 1945 in AdO Colmar Cab. Koenig Pol. I B 3. Vgl. Telegramm der 
Direction generale des Affaires politiques an die französische Delegation bei der Londoner 
Konferenz, 14. 9. 1945, und weitere Materialien in MdAE Y (1944—1949) 282. Hierzu auch 
Badstübner, Teilung, S. 584: „Die ... Bildung von elf Zentralverwaltungen in der sowjeti 
schen Besatzungszone erfolgte vorrangig unter dem Gesichtspunkt, beim Alliierten Kontroll 
rat später deutsche Zentralverwaltungen einzurichten.“ Unter den zahlreichen Akten, in 
denen die Argumentation ausgeführt wird, siehe u. a. Memoranden Koenigs für CGAAA, 
5. 3.1946, unter Verweis auf den Ausbau sowjetisch kontrollierter Institutionen und Aktivitä 
ten in Berlin (MdAE ebd. 284), sowie für Deutschland-Kommissar Rene Mayer, 20. 3. 1946, 
AdO Colmar Cab. Koenig Pol. III A 2.
	        
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