113
den wurden lange Zeit an Normalverbraucher nur etwa 800-1 000 Kalorien am Tag,
zeitweise sogar nur 600 Kalorien ausgegeben. Der Durchschnitt lag im Nordteil der
Zone 1946 bei rund 1 200 Kalorien, 1947 bei 1 300, 1948 bei 1 700 Kalorien, im Südteil
etwas höher.“ Das Problem stellte sich grundsätzlich, wenn auch nicht in der Schär
fe, auch in den anderen Zonen, und die Amerikaner haben die „gehamsterten“ und
schwarz erworbenen Lebensmittel auf rund 200 Kalorien/Tag berechnet.“ Im Ruhr
gebiet schätzte die deutsche Ärzteschaft 1947 die zusätzlich erworbene Kalorienzahl
pro Person und Tag auf 200-500 Kalorien. 27 Rothenberger vermutet, daß die Bevöl
kerung in der französischen Zone etwa 400-500 Kalorien täglich zusätzlich erworben
hat. 28 Das würde ein paralleles Versorgungsvolumen von rund 30-50% der offiziellen
Rationen bedeuten. Doch stellen sich hier erneut methodische Probleme.
Vermutlich gehen diese Schätzungen von der Differenz zwischen offiziellem Ernäh
rungsniveau und Existenzminimum aus: Da die Menschen überlebt haben, müssen
sie ihr Existenzminimum gedeckt haben, und die Differenz zwischen Rationen und
Existenzminimum ist ein Gradmesser für das Volumen paralleler Versorgungsmög
lichkeiten. Zweifellos haben vor allem 1945/46 bestimmte Bevölkerungsgruppen
solche Mengen an Nahrungsmitteln halb- oder illegal erstehen können. Insgesamt
steht ein so großes „Schwarzmarkt“-Volumen jedoch in einem so deutlichen Wider
spruch zu den sonstigen quantitativen und qualitativen Angaben, daß hier Fehler
quoten zu vermuten sind. Zu differenzieren ist zunächst mit Sicherheit nach Epo
chen: 1945 waren die parallelen Versorgungsmöglichkeiten für die breite Bevölke
rung, wie geschildert, ungleich besser als 1947/48, als ihre Reichsmark- und Tausch
warenliquidität stark gesunken war. Zum andern ist das Existenzminimum jedoch
kein konstanter Wert.
In Kalorienberechnungen sind zahlreiche schwer quantifizierbare Faktoren einzube
ziehen. So haben gleiche Nahrungsmittel unterschiedliche Kalorienwerte, je nach
dem, in welchem Zustand sie verzehrt werden; auf dem Weg von der Reinsubstanz
bis zum Kochtopf gehen Werte verloren, die in eine genaue Berechnung einbezogen
werden müßten, statistisch aber für breitere Bevölkerungsgruppen kaum faßbar
sind.“ In der Kriegs- und Nachkriegszeit kam dazu die qualitative Verschlechterung
der Lebensmittel, die zu einer ständigen Überbewertung der Kalorienwerte in der
amtlichen Statistik führte. 30 Der Kalorienbedarf hängt nicht nur von Alter, Tätigkeit,
Geschlecht und zahlreichen anderen Faktoren ab, sondern die Normzahlen variieren
Rothenberger, Ernährungs- und Landwirtschaft, S. 197.
Rothenberger, Hungerjahre, S. 130, nach Clay, Entscheidung, S. 298.
Rothenberger, ebd. Die Zahl von 500 kal. nennt ohne Quellenangabe auch Hardach,
Wirtschaftsgeschichte, S. 116.
Rothenberger, Ernährungs- und Landwirtschaft, S. 198. Implizit korrigiert der Autor hier
seine Schätzung von ca. 800 - 1 000 kal. in ders., Hungerjahre, S. 130.
Siehe dazu als Beispiel die Berechnungen von Rosen, Schweizerische Lebensmittelversor
gung im Kriege, mit Tabellen zu Kalorien werten auf den verschiedenen Verbrauchsstufen.
Am Beispiel der britischen Zone siehe hierzu Stüber, S. 281 ff.