Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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den wurden lange Zeit an Normalverbraucher nur etwa 800-1 000 Kalorien am Tag, 
zeitweise sogar nur 600 Kalorien ausgegeben. Der Durchschnitt lag im Nordteil der 
Zone 1946 bei rund 1 200 Kalorien, 1947 bei 1 300, 1948 bei 1 700 Kalorien, im Südteil 
etwas höher.“ Das Problem stellte sich grundsätzlich, wenn auch nicht in der Schär 
fe, auch in den anderen Zonen, und die Amerikaner haben die „gehamsterten“ und 
schwarz erworbenen Lebensmittel auf rund 200 Kalorien/Tag berechnet.“ Im Ruhr 
gebiet schätzte die deutsche Ärzteschaft 1947 die zusätzlich erworbene Kalorienzahl 
pro Person und Tag auf 200-500 Kalorien. 27 Rothenberger vermutet, daß die Bevöl 
kerung in der französischen Zone etwa 400-500 Kalorien täglich zusätzlich erworben 
hat. 28 Das würde ein paralleles Versorgungsvolumen von rund 30-50% der offiziellen 
Rationen bedeuten. Doch stellen sich hier erneut methodische Probleme. 
Vermutlich gehen diese Schätzungen von der Differenz zwischen offiziellem Ernäh 
rungsniveau und Existenzminimum aus: Da die Menschen überlebt haben, müssen 
sie ihr Existenzminimum gedeckt haben, und die Differenz zwischen Rationen und 
Existenzminimum ist ein Gradmesser für das Volumen paralleler Versorgungsmög 
lichkeiten. Zweifellos haben vor allem 1945/46 bestimmte Bevölkerungsgruppen 
solche Mengen an Nahrungsmitteln halb- oder illegal erstehen können. Insgesamt 
steht ein so großes „Schwarzmarkt“-Volumen jedoch in einem so deutlichen Wider 
spruch zu den sonstigen quantitativen und qualitativen Angaben, daß hier Fehler 
quoten zu vermuten sind. Zu differenzieren ist zunächst mit Sicherheit nach Epo 
chen: 1945 waren die parallelen Versorgungsmöglichkeiten für die breite Bevölke 
rung, wie geschildert, ungleich besser als 1947/48, als ihre Reichsmark- und Tausch 
warenliquidität stark gesunken war. Zum andern ist das Existenzminimum jedoch 
kein konstanter Wert. 
In Kalorienberechnungen sind zahlreiche schwer quantifizierbare Faktoren einzube 
ziehen. So haben gleiche Nahrungsmittel unterschiedliche Kalorienwerte, je nach 
dem, in welchem Zustand sie verzehrt werden; auf dem Weg von der Reinsubstanz 
bis zum Kochtopf gehen Werte verloren, die in eine genaue Berechnung einbezogen 
werden müßten, statistisch aber für breitere Bevölkerungsgruppen kaum faßbar 
sind.“ In der Kriegs- und Nachkriegszeit kam dazu die qualitative Verschlechterung 
der Lebensmittel, die zu einer ständigen Überbewertung der Kalorienwerte in der 
amtlichen Statistik führte. 30 Der Kalorienbedarf hängt nicht nur von Alter, Tätigkeit, 
Geschlecht und zahlreichen anderen Faktoren ab, sondern die Normzahlen variieren 
Rothenberger, Ernährungs- und Landwirtschaft, S. 197. 
Rothenberger, Hungerjahre, S. 130, nach Clay, Entscheidung, S. 298. 
Rothenberger, ebd. Die Zahl von 500 kal. nennt ohne Quellenangabe auch Hardach, 
Wirtschaftsgeschichte, S. 116. 
Rothenberger, Ernährungs- und Landwirtschaft, S. 198. Implizit korrigiert der Autor hier 
seine Schätzung von ca. 800 - 1 000 kal. in ders., Hungerjahre, S. 130. 
Siehe dazu als Beispiel die Berechnungen von Rosen, Schweizerische Lebensmittelversor 
gung im Kriege, mit Tabellen zu Kalorien werten auf den verschiedenen Verbrauchsstufen. 
Am Beispiel der britischen Zone siehe hierzu Stüber, S. 281 ff.
	        
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