Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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In den Wochen nach der Währungsreform erfolgte, obwohl das Bewirtschaf 
tungssystem in der französischen Zone wesentlich zögernder aufgehoben wurde als 
in der Bizone, in Baden praktisch ein Zusammenbruch des Schwarzen Marktes. 
Mitte September 1948 wurden Schwarzmarktpreise nur noch für wenige Lebensmit 
tel gemeldet: für Eier, Weizen- und Roggenmehl, Butter, Rind- und Schweinefleisch 
und weißen Zucker. Ihre Preise lagen im Vergleich zur Situation von Ende 1947 
wesentlich niedriger und auch deutlich unter dem zur gleichen Zeit noch in Ham 
burg konstatierten Schwarzmarktpreisniveau. 58 Für andere Lebensmittel existierte in 
Baden kein Schwarzmarkt mehr, und auch bei sonstigen Waren beschränkte er sich 
auf Glühlampen, Schuhe und - Schweizer Franken. Eine Art umgekehrten Schwarz 
marktes entstand jetzt allerdings für Bohnenkaffee sowie für Tabakprodukte: hier 
differenzierte sich das Angebot, aber es lag preislich - und dies wiederum im Gegen 
satz zur Lage in Hamburg - unter dem Niveau der offiziellen Preise. 59 60 Dies war 
vermutlich Ausdruck sowohl des endgültigen Zusammenbruchs der „Zigarettenwäh 
rung“ wie des Liquiditätsmangels für Genußmittel. Die Wirkung der Währungsre 
form - sei sie ökonomisch, sei sie psychologisch - war im Preisniveau des Schwarzen 
Marktes damit deutlich abzulesen. Nach September 1948 wurden in Baden Schwarz 
marktpreise offenbar gar nicht mehr amtlich notiert. 80 
Die Vorstellung von Schwarzmarktpreisen, die bis zur Währungsreform in schwin 
delerregende Höhe stiegen, gehört damit zu den zahlreichen Mythen, welche die 
Nachkriegszeit in der kollektiven Erinnerung charakterisieren, genauerer Untersu 
chung aber nicht standhalten. Verständlich ist diese subjektive Erinnerung aber 
gerade vor dem Hintergrund der hier skizzierten strukturellen Entwicklung der 
parallelen Märkte: Da der größere Teil der Bevölkerung seit etwa 1947 nicht mehr 
über die Mittel verfügte, sich am Schwarzhandel zu beteiligen, konnte er einerseits 
die dort üblichen Preise nicht mehr genau verfolgen und andererseits leicht den 
Eindruck gewinnen, die Preise seien, da für den einzelnen Privatverbraucher tatsäch 
lich nicht mehr erschwinglich, buchstäblich in „unerschwingliche“ Höhen gestiegen. 
Infolge der besonderen Situation Deutschlands lagen die Preise hier zwar höher als 
in manchen anderen Ländern. So läßt sich für Frankreich ein durchschnittliches 
Schwarzmarktpreisniveau von nur etwa dem Vierfachen der offiziellen Preise anneh 
men, also relativ wohl weniger als die Hälfte des deutschen Preisniveaus. Dennoch 
kann von Phantasiepreisen auf dem deutschen Nachkriegs-Schwarzmarkt allenfalls 
für bestimmte Luxusprodukte wie Fotoapparate, doch nicht generell die Rede sein. 
Mag der Wirtschaftstheoretiker diese relative Stabilität des Schwarzen Marktes und 
die teilweise Neutralisierung des Geldüberhanges auch begrüßt haben: Dem Nor 
malverbraucher war wenig damit geholfen, einerseits im offiziellen Rationierungssy 
stem die für das Existenzminimum notwendigen Waren kaum zu erhalten, anderer 
seits aber auch aus diesem parallelen Markt zusehends ausgeschaltet zu werden. 
48 Schwarzmarktpreise für zehn Produkte in Hamburg (Mai-Nov. 1948) bei Mendershausen, 
Prices, S. 606. 
59 Die Schwarzmarktpreise für den 15. 9. 1948 beruhen auf einer Liste in StA FR A 7 (1956/5) 
Bld. 
60 Weitere Preisberichte, die jedoch keine Schwarzmarktpreise mehr enthalten, ebd.
	        

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