Full text: Studien zum Meistersinger Jörg Schiller

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Übel ist es, daß sie sich nicht der Pfaffenminne versagen. ‘Sie 
sind somit ihrer Gesinnung und ihrem Leben und Treiben nach 
das Gegenstück des Idealbildes des Weibes und bilden mit ein 
Glied in der Kette der Übelstände dieses Zeitalters, wie sie 
uns der Dichter bisher in so breiter Ausmalung geschildert hat. 
Die Natur Schilderungen unseres Dichters, wie sie sich 
im Anfang der Gedichte VI und XI finden, bewegen sich im 
ganzen in konventionellen Ausdrücken; deshalb läßt sich nicht 
feststellen, inwieweit Jörg Schiller eine eigene Naturanschau¬ 
ung, inwieweit er ein eigenes Naturgefühl besessen hat. Ich 
gebe seine Beschreibungen, Bilder und Vergleiche an. In Nr. 
XI. ist die Naturschilderung etwas weniger umfangreich; Die 
Natur zur Maienzeit gibt aller Welt große Wonne; die Lust am 
neuerwachten Leben treibt den Dichter hinaus auf die breite 
Heide, die mit Rosen verziert und „mosieret“ ist. Dazwischen 
tauchen weiße, blaue, rote, braune und gelbe Farben auf, breite 
und runde Farbenfelder. Der Mai hat die Blumen und Gräser 
alle mit süßem Tau „besprentzt“22); schön, nicht verwirrend 
ist der vielfältige Anblick, wenn der Wind' die Blumen durch¬ 
einander bewegt. Auf den Bäumen hüpft manches Vogelpaar 
herum und singt. Vif einem acker, wo die Linde steht, fließt ein 
kühles B'rümnlein. Diese grüne auwe ist ein. guter Ruheplatz. — 
Ähnlich beschreibt .1. Sch. im Gedicht nr. VI. die Naturfreu- 
deti des Mai gegenüber der kalten, alle Freuden tötenden Win¬ 
terszeit; des mayen plüt steht lieplichen; die Blumen 
sind aus der Erde hervorgedrungen und haben schon 
Knospen bekommen; der mailiche Tau ist hineinge¬ 
fallen und bringt liechten Blumenschein hervor, wenn 
am Morgen jedes Blümlein sich reingewaschen hat im Maden¬ 
— Das Gedicht nr. X gehört in die obszön-scbwankhafte Literatur; 
es verrät den Geschmack einer Zeit, in der „ein durch keinerlei 
theoretische Welitansicht gerechtfertigtes, keinerlei ästhetische For¬ 
mung verschöntes, durch keine geniale Herausforderung des Schick¬ 
sals veredeltes physisches Genießen“ vorherrscht. Vergl. R. We¬ 
ber a. a. O- S. 15. 
22) A. Götze a. a. 0. S- 7 bemerkt; typisches Dichterwort je¬ 
ner Zeit!
	        
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