Full text: Studien zum Meistersinger Jörg Schiller

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dadurch erhält sein schriftstellerisches Wirken eine eigene 
Note. 
Bei des Dichters Stellung zum weiblichen Geschlecht ha¬ 
ben wir zu unterscheiden zwischen seinem Idealbild einer 
Frau und dessen Abbild- in der Gegenwart. Lobsiprüche wie 
Vorwürfe sind dabei die üblichen dieser Zeit. Besonders die 
Bilder -für die ideale Frauenschönheit werden in vielen 'Ge¬ 
dichten der Zeit verwandt und stammen wohl schon aus frü¬ 
heren Jahrhunderten. Von seinem 'Wunschbild einer Frau 
spricht J. Sch. — vorausgeschickt ist immer eine Naturschil¬ 
derung, der Heide, des ¡Waides, des Vogelgesanges — in 
den Gedichten VI und XI: Ihre überragende körperliche Schön¬ 
heit wird auf das allergenaueste beschrieben; sie, die schöne, 
minniglichste Frau, besitzt Haare wie aus Goldflachs gespon¬ 
nen; braune, klare Äuglein, darin düs Weiße lieblich 
scheint; Wänglein wiie Milch und Blut oder wie Alabaster und 
minnigliches Rot gefärbt; Brauen vßgestrichen vein und ohne 
Fehl; ein Mündlein rot und brennend wie ein Rubin; Zähne 
weiß wie Elfenbein bezw. Marmor; Öhrlein vmbgebogen 
krumm; einen Nacken planck als ain härmlin und durchsich¬ 
tiger, reiner als ein polierter Beryll (!)’; ein Näslein bogen 
nit ze Iangk; der Hals weiß vnd vein vßgeschwaiffet zart; 
zway prüstlin an ir hertz geschmückt, in rechter höh, als die 
birne; im Kinn ein Grübchen; vßgedrollen ärmlen; vßge- 
wollen leib vom Scheitel bis zu den Füßen; eine Kehle weich 
als hermel; hendlin weiß als helffenbeyn; bein wyß wie sehne; 
die ganze Gestalt weiblich und frisch. — Diesem höchsten 
Maß äußerer Schönheit steht die innere Vollkommenheit nicht 
nach; diese Frau hat zucht10, duigent rnilt, ere10), wirdikeit; 
sie ist freundlich; sie trauert von Herzen mit dem ihretwegen 
leidenden Dichter, aber ihr Herz ist gegen Versuchungen här¬ 
ter und fester als Stahl; sie zeigt also Treue19) in der Liebe, 
ist steet vnd fester dann ein eide; sie verzeiht aber dem 
verliebten Dichter gern seine tollen Reden, als er bereut. Un¬ 
191) W- Stammler, Die „bürgerliche“ Dichtung des Spätmit¬ 
telalters, S. 7ff.: Ritterliche Ideiale stehen bei dieser Aufzählung 
noch mehr im Vordergrund.
	        
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