Full text: Studien zum Meistersinger Jörg Schiller

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„kumpt ainr, er sey baur oder mair 
bringt er rock, mantel oder schlair 
so ¡eich im trauf . . . kein halbes gelt . . 
Unter den Städtern beschäftigt sich J. Sch. hauptsächlich 
mit den 'KaufteUten und Händlern. Den Kaufleuten wirft er 
die stündliche Sünde wider das 2. Gebot vor; sie leisten ohne 
Bedenken Meineide und lästern Gott, um nur ihre* Waren 
loszuschlagen; sie schwören und nehmen Gottes Namen un¬ 
nütz in den Mund, sei es auch nur um eines so wertlosen 
Objektes willen wie einer Birne. Der schlichte Mensch, der 
dem Kaufmann und seinen Schwüren traut, wird hart däfür 
büßen; bissig, aber mit einem gewissen Humor17) bemerkt un¬ 
ser Dichter (II.j): 
„Roßtäuscher, kremer, tuchleüt sind werde 
sie treiben kein geferde 
daran setz ich mein hab 
— wen ich ir gern körn ab“. 
Dem bloß unproduktiven Handel und dem ausbeutenden 
Kapitalismus reißt er in IV die Maske vom Gesicht und legt 
den Finger auf schlimme Schäden wie den wucherischen Auf¬ 
kauf, die Bodenspekulation, den Betrug (speziell beim Pferde¬ 
kauf), den Zinswucher, die zu kurzfristige Pfand,leihe usw. — 
So ergibt sich schon bis hierher eine solche Schilderung von 
der Welt und ihrem Treiben, daß man darüber wohl wirklich 
als Motto das J. Schi bersche Wort setzen könnte: 
„Die weit ist aller vntrew vol“ (II16)18). 
Und insofern er dieses Thema zum Hauptgegenstand seines 
Dichtens macht und immer wieder variiert und eindringlich 
mahnend seinen Zeitgenossen vor Augen stellt, insofern bringt 
er auch stofflich Neues und bleibt nicht bloßer Nachahmer; 
1?) A- Dreyer a. a. O. S. 340 sagt: „Seine große Beliebtheit 
bei den späteren Meistersängern verdankt er (J. Sch.) in erster Li¬ 
nie wohl seinen leichtgeschürzten, sangbaren Tönen, dianm aber 
auch nicht zum mindesten seinem mitunter derben, doch immer nac 
turwahren, ungekünstelten Humor“ uod bezieht sich dafür auf das 
Gedicht nr. X. Ich möchte lieber auf Stellen wie oben hinweisen. 
18) Vergl. A. Dreyer a. a- 0. S. 340.
	        
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