Full text: Zur Entwicklung und Bedeutung des deutschen Meistergesangs im 15. und 16. Jahrhundert

— 55 
zieht er gelegentlich wieder zu Nute: eine zweite Lpruchsassung 
der Geschichte von Krachne, die im allgemeinen auf Wickrams 
Gvid beruht, übernimmt einige Eigentümlichkeiten der älteren 
voppelfassung als Lied und Spruch, die auf Boccaccio-Ztain- 
höwel zurückging. Zelten einmal wird ein Stoff in zweiter 
Fassung grundverschieden gestaltet: der soeben erschienene Gvid 
Wickrams regte Hans Sachs zu einer längeren Bearbeitung der 
Geschichte von Biblis an, obgleich er denselben Gegenstand erst 
fünf Monate zuvor in gedrängtester Form behandelt hatteh. 
Hans Sachs hat die cturcblewclitinZ frawen des Boccaccio* 
Stainhöwel auch zur Nacherzählung anderweitiger geschichtlicher 
und sagenhafter Berichte benutzt, wenn es auch meist die Ge¬ 
stalten der Gvidschen Metamorphosen waren, die ihn an diesem 
Werk anzogen. Sn einem Gedichts erzählt er z. B. die Schand¬ 
taten der Tullia, die Boccaccio in seinem 46. Kapitel nach Livius 
vorgetragen statte; aber hier sind die sechs Seiten der Borlage 
zu 57 Versen zusammengezogen: der Meistergesang ist eine ganz 
freie, den Hauptinhalt kurz zusammenfassende Bearbeitung. Eben¬ 
so steht es mit dem Liede von den drei Übeln Weibern, deren 
erste Medea ist; Boccaccio berichtet fünf Leiten über Medea, 
Sachs erledigt sie mit einer Strophe von 17 ¡Seiten3). 
Ähnlich wie in der Bearbeitung Gvidischer Zabeln ist Hans 
Sachs in seiner Ausbeutung von Boccaccios Becamerone ver¬ 
fahren. Nur selten, wie in der schon angeführten Geschichte von 
Lisabetha und Lorenzo, hat er nahezu wörtlich paraphrasierth. 
Öfter zwingt ihn die knappe metrische Zorm zu energischer Kon¬ 
zentrierung, ja zur Umsetzung der Schilderung in Handlung''). 
Eine bloß anekdotische Erzählung vermag er überhaupt in drei 
Gesätzen ohne Schaden für Inhalt und Kunstform recht gut unter¬ 
zubringen, selbst wenn er die Ausführungen seiner Vorlage kürzll'). 
häufig aber zeigt sich die grundverschiedene Naturanlage des 
*) © ö 11. Fj j. BI. 78'—79 ; Drescher. Nnh. Nr. 29. 
2) © ö 11. i) j. BI. 50—51'; den Stoff konnte Sachs freilich auch aus 
der Bearbeitung des Livius durch Schöferlin und XDittig (1505) gewannen haben. 
3) © ü t t. h s. 119—120; vgl. Boccaccio-Stainhäwel Nr. 16, 
S. 68-73. 
■*) Schwänke Bö. 3, Nr. 3; vgl. Bocc. -Stainh. Buch IV Kap. 5. 
h) Schw. III 174: Bocc 16. 
h 5 chw. III 238: Bocc. VII 4.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.