Full text: Zur Entwicklung und Bedeutung des deutschen Meistergesangs im 15. und 16. Jahrhundert

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Jahres fertigte der Nürnberger Handwerksmeister bereits ein Lied 
nach diesem Buch an1). 
Buch unter den Liedern nach Gvid folgen viele, einschließlich 
der Moral-), wörtlich der Vorlage^). Oft aber finden wir Zu¬ 
sätze, die die Vorgänge der Ouelle genauer motivieren sollen, 
wenn sie freilich auch nicht immer in den Charakter der Erzählung 
hineinpassen^). Zn einigen bezeichnenden Fällen ist die Moral 
aber umgedeutet: der rationalistischen Nuslegung von Niobes Ver¬ 
steinerung gegenüber, wie Sachs sie bei Boccaccio fand, geht er 
aus die ursprüngliche Zage zurück. Nuch einen $all der schon 
früher besprochenen Verkürzung der Vorlage unter dem Zwange 
der beschränkenden Liedform finden wir unter diesen Liedern'). 
Wo wir Doppelbearbeitungen von Dvidischen Erzählungen 
in Lied- und Spruchform haben, zeigen sie die gleichen Eigentümlich¬ 
keiten, die wir bei den Schwänken vermischten Inhalts beobachtet 
hatten^). häufig stammen solche Doppelfassungen vom selben Tage, 
zuweilen liegen sie Jahre oder Jahrzehnte auseinander,' bei diesen 
letzteren hat Hans Sachs stets wieder die ursprüngliche Vorlage 
herangezogen. Ein Spruchgedicht über Niobe, das neunzehn Jahre 
nach dem Liede geschrieben wurdeh, schließt sich enger als dieses 
an Voccaz an, verfährt aber in der Moral wie in der Nnführung 
von Einzelzügen (Jupiters Ehebruch mit Latona, das Opferfest) 
selbständig. Nbe'r auch die ältere Bearbeitung oder ihre Vorlage 
') ähnlich verfuhr er mit plutarch, dessen Leben der Griechen und 
Nömer in der Nusgabe des Hieronymus Boner sogleich im Jahr ihres Er¬ 
scheinens benutzt wurde {1541); und als zwei Iahre darauf des plinius 
„Natürliche hiftory" in der Übersetzung Heinrichs von Eppendorff erschien, 
fertigte der Dichter gleich an einem Tage drei Lieder über Stoffe aus die¬ 
sem Buch an. 
B) z. B. Vrescher, Nnh. Nr. 17. 19. 
s) 3. B. Gott. ij s. BI. 98 f.; vgl. Boccaccio-Stainhöwel, 
De. d. mul. Nr. 14, S. 62 ff. 
4) Drescher Nr. 17. 
6) ebenda Nr. 8. 9; hier berichtet die längere Spruchfassung noch 
von Miras Sohn Ndonis, während das Lied mit der Verwandlung des 
Mädchens abschloß. - 
G) Wörtlich übereinstimmende oder die erwähnten kleineren Nbweichun- 
gen aufweisende Fassungen s. bei Drescher Nr. 4:5; 6:7; 19:20. 
7) ID etk e VIII 656ff.
	        

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