Full text: Zur Entwicklung und Bedeutung des deutschen Meistergesangs im 15. und 16. Jahrhundert

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Schrift über den Meistergesang verfaßt hat: er hat auch nahezu die 
dreifache Zahl von eigenen Meistertönen erfunden als Hans Lachs. 
(Er glaubte durch Schaffung neuer formen den verfall der Kunst 
aufhalten zu können. Mit Ausnahme seiner eigenen Töne (die 
übrigens fast alle nach Vögeln benannt sind) hat er jeden Meister¬ 
ton nur einmal benutzt) ja er scheint es als seine Aufgabe er¬ 
kannt zu haben, eine möglichst große Anzahl von Tönen durch¬ 
zuprobieren, und bei dieser systematischen Durcharbeitung hat er 
sich die Stoffe nach den Tönen, oder vielmehr ihren Namen, aus¬ 
gesucht. Aber so hoch Puschmanns Auffassung vom Meistergesänge 
war, so gänzlich unbedeutend sind seine Produktionen. Wort¬ 
getreue Versifizierungen der Lutherschen Bibel, obszöne oder ge¬ 
schmacklose Schwänke, eine in den dreizehn Meistertönen Sachsens 
angefertigte genaue Beschreibung des Straßburger Münsters mit 
seiner Geschichte'), Aufzählung der Tabulaturregeln in den „Schul¬ 
künsten", dürre religiöse Lieder mit angehängter Marals: all dies 
ist wohl geeignet, uns davon zu überzeugen, daß der Meister- 
gesang als künstlerische Erscheinung am Ende des 16. Jahrhunderts 
im Absterben begriffen war) selten nur, das Puschmann einmal 
einen lustigen Schwank zu erzählen weiß wie den von den ..Dörnern 
mit dem pfaffen“3), in dem er sogar die Pommern platt sprechen 
läßt) doch sticht auch hier die Diskrepanz zwischen epischem Ge¬ 
halt und lyrischer Form in Ghr und Buge. Auf poetische Wirkung 
kann höchstens das dritte Gesätz des „Elogium reverendi viri 
Johannis Sachsen"4) vom Jahre 1576 Anspruch erheben) die 
beiden ersten Gesäße — alle sind in verschiedenen Tönen gedichtet — 
enthalten nur Nachdichtungen von autobiographischen Liedern 
Sachsens sowie eine Aufzählung der Sächsischen Werke) das letzte 
Gesätz in der Traumweise Müglins enthält den Traum, in dem 
der Dichter den altersschwachen Hans Sachs, seinen verehrten Lehrer 
erblickt - eine gemüt- und liebevolle Schilderung, die aber in die 
unbeholfenste Zorm gekleidet ist, zu der der Inhalt in gar keinem 
Verhältnisse steht. 
Martin a. a. G. 
2) © o e a. a. O. Nr. 2. Z. 7. 8. 11. 16. B e r I. ff s. 5. 14 ff., 25 ff.. 
236 ff., 295-308. 
s) Botte a. a. (D. 
*j © oetze Nr. 13.
	        

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