Full text: Zur Entwicklung und Bedeutung des deutschen Meistergesangs im 15. und 16. Jahrhundert

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das nach allen Leiten gewendet und erläutert und unter Heran¬ 
ziehung gelehrter Literatur, so des Augustinus und selbst der Zoo¬ 
logie, bekräftigt wird. Zuweilen trifft der Dichter wohl auch in 
Stoff und Strophe einen echt lyrischen Ton, so in den hpmnen- 
artigen Liedern Nr. 54 und 74. Auch die Trinität und die beiden 
Naturen in Thristo werden in einer Neihe von Gedichten mit 
scholastischer Spitzfindigkeit abgehandelt. Ebenso zieht der Dichter 
das Prinzip des Bösen, den Tod und das Jüngste Gericht in 
den Kreis seiner Erwägungen. Schließlich sind auch bei Falz 
einige Lieder lediglich predigten prosaisch-erbaulichen Tharakters, 
sei es über irgend ein theologisches Thema, dessen Ausführung 
durch Heranziehung einiger Bibelstellen gestützt wird, sei es über 
eine neutestamentliche Stelle oder auch über ein Kapitel des Alten 
Testaments, bei dem dann aber eine „christliche" Nuslegung nicht 
fehlen darfi): dieser Zug, ebenst) wie die gelegentliche genaue 
(Quellenangabe'), scheint bereits das folgende Jahrhundert vor¬ 
auszunehmen. 
Weitaus am wertvollsten aber, sowohl in historischer wie 
in poetischer Hinsicht, sind die polemischen Lieder über die Meister- 
kunst - weniger diejenigen, die sich, meist sehr temperamentvoll, 
gegen persönliche Gegner wenden^), als jene Neihe, die den grund¬ 
sätzlichen Fragen der Dichtkunst gewidmet ist. Zunächst sind es 
noch die Wormser Meister, vor denen Folz sein Programm ent¬ 
wickelt: wenn die Dichter über verschiedene Gegenstände singen 
wollten, so sollten sie auch verschiedene Töne dazu gebrauchen,' 
Gott habe auch jedem Vogel seinen besonderen Ton gegeben; es 
sollte sogar verboten sein, die alten Töne immer wieder zu 
verwenden; auch sei es verkehrt, wenn in den Meisterliedern 
immer nur aus Ketzerei gefahndet werde und nicht auch auf 
andere Fehler, die das Wesen der Poesie näher beträfen. Und 
das 93. Lied hält den Meistern Neidhart von Neuental stoff¬ 
lich und technisch als Muster vor. Die alte Tradition von den 
zwölf Meistern fübrt Folz all ubsurcium (Nr. 94), indem er 
') Nr. 33. 36. 61. 63. 
2) z. B. „Man Hst 2 Regum 5 capitulo", Auch das wörtliche Zitieren 
von Kapiteln aus der Bibel kommt vor: s. die Erzählung der Auferstehungs¬ 
geschichte (Nr. 80). 
3) Nr. 41. 43 f., 46 f.
	        

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