Full text: Geschichte der evangel. Gemeinde Alt-Saarbrücken

VI. SOZIALE TÄTIGKEIT 
Die ioziale Tätigkeit ift recht eigentlich ein Erzeugnis des chrift- 
lidicn Gciftes. „Die Welt vor Chrifto war eine Welt ohne 
Liebe* *).“ Zwar hat es auch vor Chriftus an Handlungen 
und Äußerungen des Mitleids und der Barmherzigkeit keineswegs 
gefehlt. Heißt es dodi ichon bei Homer, daß Fremdlinge und Bett¬ 
ler unter dem Sdiutje des Zeus ftehen, der auch der Gaftliche ge¬ 
nannt wurde; legt dodi Sophoxles der Antigone das fchönc Wort 
in den Mund: „Nicht milzuhaffen, iondern mitzulieben bin ich da,“ 
haben dodi Cicero und Seneca Milde gegen Arme und Elende als 
Pflicht gelehrt, haben dodi edle Männer von jeher audi Barm¬ 
herzigkeit durch Wohltaten geübt, aber es fehlte an einer ge¬ 
ordneten Liebestätigkeit. Chiiftus aber fagt (Evang. Joh. 13, 34 f) 
„Ein neu Gebot gebe ich eudi, daß ihr euch untereinander liebet, wie 
ich euch geliebet habe“ und „Du folllt' deinen Nächften lieben als dich 
felblt“. Erft das Chriftentum hat die Sklaverei, die un ozialfte Ein¬ 
richtung, die es gibt, bekämpft. 
So fehen wir denn fchon die erften Chriften ioziale Liebestätigkeit üben**). 
Im Mittelalter waren die Klöfter die Ausgangspunkte chriftlicher Liebes- 
tätigkeit. Mit jedem Klofter war ein Hofpital verbunden, in dem Geift- 
liche und Laienbrüder Werke der Barmherzigkeit übten. Füllten, 
Adelige und Bürger wetteiferten in Schenkungen und milden Stiftungen 
für Kirchen, Klöfter und Spitäler. Aber die Gemeinde-Armenpflege 
ging unter, die Liebestätigkeit wurde einfeitig kirchlidi, und alle Übung 
der Barmherzigkeit verfolgte als Hauptziel die eigene Seligkeit. 
„Erft die Reformation führte zur Quelle zurück; fie machte die urchrift- 
lidien Gedanken von Reiditum und Armut, von Eigentum und Almofen, 
*.) Uhlhorn, Die chriftliche Liebestätigkeit in der alten Kirche. Stuttgart 1882. S. 4. 
*0 Uhlhorn S. 67 ff. 
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