Full text: Die Krise des Idealismus

aus sagen, was sie sind, und wie weit sie erkennbar 
sind. 
Die idealistische Erkenntnistheorie bringe viel 
zu früh die logischen Bildungs- und Umbildungsfor¬ 
men ins Spiel und überschätze gewaltig ihre Bedeu¬ 
tung. Die erste Aufgabe der Erkenntnis bestehe in 
der reinen und willfährigen Aufnahme der Erschei¬ 
nungen mit Hilfe der reinen Wesensschau. Zu ihr 
können und müssen wir Menschen uns erziehen, wenn 
wir ernstlich beabsichtigen, das Sein ganz schlicht 
und ohne die Herantragung von „synthetischen“ Prin¬ 
zipien zu erfassen und zu verstehen. Alle diese Prin¬ 
zipien verleiten uns nur dazu, das Sein in seinem We¬ 
sen zu verfälschen und auch die Erkenntnis des Seins 
zu verfälschen. Der Idealismus verdrehe und verderbe 
nicht nur das Sein, sondern auch den Begriff des 
Seins. Sein Wesen und sein Begriff seien doppeldeutig 
und doppelzüngig. 
Das eine Mal nämlich zwänge und zwinge er 
die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen in ein dogma¬ 
tisch und doktrinär aufgestelltes Schema und System 
von herrischen und als herrscherlich anerkannten Be¬ 
griffsformen. Dadurch aber gehe jene tatsächliche 
Mannigfaltigkeit schließlich zugunsten einer gewalt¬ 
sam konstruierten und spekulativ ersonnenen „Ein¬ 
heit“ verloren. Diese metaphysische Einheitsformung 
sei jedoch eine Versündigung an der Fülle der Phä¬ 
nomene, und sie beeinträchtige auch das auf das Ein¬ 
zelne gehende Studium dieser Fülle. Wie aber ver¬ 
möge die Wissenschaft einen sachlichen Fortschritt 
zu erzielen, wenn sie den Blick lediglich oder vor¬ 
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