Full text: Philosophie der Kunst

Das Dasein der Kunst. 
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schaft“ noch an die „Kritik der reinen Vernunft“, und es wird 
keiner bestreiten, daß Phantasiearbeit und Gedankenarbeit zweierlei 
sind. Wenn man, so gut es eben geht, schon erschlossene und all¬ 
gemein betretene Wege nochmals durchläuft und durchforscht und 
sozusagen im Halbdunkel seine tastenden Versuche anstellt, so 
wissen alle oder glauben zu wissen, wo man die Hand anzulegen 
hat, mögen sie sich eine Sammlung von Kunstwerken anlegen oder 
sich die Kenntnis der Dichter einer Nation oder eines Jahrhunderts 
verschaffen wollen, mögen sie die Geschichte der Kunst oder eines 
bestimmten Kunstzweiges der Menschheit oder eines Volkes oder 
eines mehr oder minder scharf umgrenzten Zeitabschnittes schreiben 
wollen. 
Offenkundig ist der Begriff, der eine solche Untersuchung er¬ 
leuchtet, Begriff und zugleich nicht Begriff, mittels dessen man das 
Wesen der Kunst erkennen kann. Er wird als Begriff auftreten, 
um zu erfahren, wohin man sich wenden muß, wenn man die 
Uffizien besuchen will, aber er wird nicht mehr als Begriff auftreten 
können, wenn es darum geht zu unterscheiden, was Kunst und was 
nicht Kunst ist, wenn man die Schwelle überschritten hat und be¬ 
ginnt, durch die Säle zu gehen, um die Bilder anzusehen und sie zu 
beurteilen. Überlieferung, Ruf, Urteile von anderen, die wir an¬ 
nehmen, weil wir, wenn auch dunkel, wissen, daß sie von zu¬ 
ständigen Persönlichkeiten formuliert sind, ohne daß wir aber 
bisher ihre Quellen und Gründe hätten prüfen können, dienen 
sicher dazu, dem Anfänger eine bestimmte Orientierung zu geben: 
offenkundig aber können sie ihm nur unvollkommene Merkmale 
vermitteln und werden allmählich einer Durchsicht, einer Über¬ 
prüfung, einer Verbesserung, einer Ergänzung, kurz einer Ent¬ 
wicklung bedürfen. Der Begriff, dessen sich jemand am Schluß 
seines Weges vor einem Kunstwerk bedient, das er als Kunstwerk 
sieht, und dessen Schönheit er beurteilen kann, ist nicht mehr der 
primitive Begriff, der die ersten Schritte seiner Untersuchung 
leitete. Und das, was man als eigentlich existierend zu bezeichnen 
hat, wird nicht das sein, was man anfänglich, sondern das, was man 
zum Schluß denkt. Was das ist, was eben als Kunst existiert, weiß 
man nicht, wenn man, was Kunst sei, aus der Ferne und unter 
Schleiern betrachtet, sondern nur, wenn man es aus der Nähe und 
in vollem Lichte sieht. 
Man kann sicher sagen, daß, wer die italienische Dichtung 
kennen lernen will, sie in ihrer Geschichte studieren muß; aber es 
ist unzweifelhaft, daß diese Geschichte uns nur abstrakte Zeichen
	        
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