Full text: Philosophie der Kunst

Die Unsterblichkeit der Kunst. 
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gen Lebens gesammelt ist. Für das Einzelindividuum scheint 
das Spiel nur bis zu einem bestimmten Punkt und daher, wie jedes 
schöne Spiel, nur kurze Zeit zu dauern. Aber das wahre Indivi¬ 
duum ist nicht endlich, sondern unendlich; ist nicht Teil, sondern 
Ganzes. Und daher ist das wahre Leben unsterblich, und niemand 
kann bei ihm von kurzer oder langer Dauer sprechen. Sappho, 
die arme Sappho, ist tot; lebendig ist der schmerzliche Schrei ihrer 
Stimme, die eben das Menschliche ist, in dem wir leben, die wir 
jenem Schrei lauschen. 
3. 
Die Unsterblichkeit der Kunst. 
Unsterblich ist der Geist als solcher in seiner Aktualität; 
unsterblich ist die Kunst, die zu seiner Aktualität beiträgt. In 
doppelter Bedeutung, wenn auch beide Bedeutungen schließlich zu 
einer einzigen zusammenfallen. Unsterblich ist jedes Kunstwerk, 
und unsterblich ist die Kunst als Moment der geistigen Synthese. 
Unsterblich ist das Werk, nur in bildlichem Sinne aber sein Urheber, 
mag die menschliche Eitelkeit sich auch darüber täuschen, und mag 
man auf diese Eitelkeit auch rechnen können: ich sage: der Ur¬ 
heber, als einer von den vielen, als Teil der Vielfalt, aus der man 
den Stoff der Geschichte webt: Gedanke, der gedacht wird, und 
nicht Gedanke, der denkt. 
Das Werk ist unsterblich; denn das Subjekt, dessen Ausdruck 
es ist, ist unendlich; es ist nicht ein Mensch, der sterblich wäre, 
sondern das Menschsein dieses Menschen; das Gefühl, das im Akt 
des Kunstwerks eine besondere bestimmte Individualität annimmt, 
ohne etwas von ihrer eigenen Totalität zu verlieren; die Seele, die 
sich im Kunstwerk wie in jedem menschlichen Werk ver¬ 
körpert und in jedem Menschenherz unsterblich schlägt. Der 
Körper kann untergehen; ein Manuskript, ein Bild kann ver¬ 
loren gehen. In einem Brand, dem der Bibliothek von Alexan¬ 
dria, können viele Papyrusurkunden zugrunde gehen, die 
Überlieferer großer Dichtung waren. Es kann der schönste 
Palast zur Ruine und zerstört werden. Die Seele, die in all dem 
war, belebt alle überlebenden Kunstwerke aufs neue. Sie erfüllt 
die Brust jedes lebenden Menschen mit Wärme. Sie wird jedes 
künftige Kunstwerk inspirieren, und die Entdeckung von Ab¬ 
schriften des verlorenen Manuskripts, die Ausbesserung oder gar 
die Wiedererrichtung des zur Ruine gewordenen Palastes und so
	        
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