Full text : Philosophie der Kunst

252

Die  Attribute  der  Kunst.

V.
Die  Unsterblichkeit  der  Kunst.
1.
Der  Begriff  des  unsterblichen  Lebens.
Die  Unsterblichkeit  der  Kunst  ist  leichter  zu  behaupten  als  zu
leugnen;  gewöhnlicher  ist  daher  der  Glaube  an  sie  als  der  Zweifel,
so  sehr,  daß  man  auch  mit  einer  gewissen  Wahrscheinlichkeit  für
wahr  halten  kann,  daß  die,  die  vom  Tod  der  Kunst  sprachen,
einen  Tod  darunter  verstanden,  der  nicht  die  Verneinung  der  Unsterblichkeit
  war,  wie  sie  richtigerweise  verstanden  werden  muß.
Denn  im  allgemeinen  ist  es  viel  leichter,  von  Unsterblichkeit
zu  sprechen  als  von  ihr  einen  frei  von  Widersprüchen  und  daher
wahrhaft  denkbaren  Begriff  zu  haben.  Der  Mensch  wird  gewissermaßen
  von  Natur  aus  veranlaßt,  von  ihr  zu  sprechen,  und  er  läßt
sich  nur  mit  Mühe  durch  eine  schwierige,  wenn  auch  unzureichende
philosophische  Betrachtung  dazu  bringen,  an  ihr  zu  zweifeln.
Tatsächlich  kann  man  nicht  denken,  ohne  dem  Gedanken  einen
Wert  beizumessen.  Und  einen  Wert  könnte  der  Gedanke  nicht
besitzen,  wenn  der  Geist,  der  denkt,  nicht  fähig  wäre,  eine  freie
Aktivität  zu  entfalten:  diese  wäre  unsinnig,  wenn  der  Geist  irgendwie
  begrenzt  wäre.  Der  tiefe  Grund  des  Glaubens  an  die  Unsterblichkeit
  ist  sein  Erscheinen  als  ratio  essendi  des  Denkens,  das
fähig  ist,  das  Wahre  zu  erkennen  und  es  vom  Falschen  zu  unterscheiden.
  Ein  Mensch  der  geboren  wird  und  stirbt,  eingeschlossen
zwischen  diese  äußersten  Grenzen,  jenseits  deren  nicht  er,  sondern
ein  anderes  ist,  das  deshalb  auf  ihm  lastet,  deshalb  ihn  sein  läßt,
was  er  ist,  und  infolgedessen  ihn  sein  Werk  wirken  läßt,  kann  das
Wahre  nicht  erkennen,  indem  er  es  auswählt  und  von  seinem
Gegensatz  befreit;  sondern  er  kann  nur  erkennen,  was  er  tatsächlich
erkennt,  gleichgültig  ob  es  wahr  oder  falsch  ist.  In  die  Erkenntnis
eintreten,  ist  daher  in  das  Unendliche  und  das  Ewige  eintreten,
ein  Leben  verwirklichen,  das  nicht  von  Bedingungen  des  Ortes  und
der  Zeit  umschrieben,  sondern  fähig  ist,  in  sich  jeden  Ort  und
jede  Zeit  zu  enthalten.  Es  ist  die  immanente  Erfahrung  jedes
Menschen,  der  denkt;  gleichsam  der  Grundstein,  über  den  man  mit
dem  Gedanken  alles  Denkbare  errichten  kann.
Wenn  man  aber  „unsterbliches  Leben“  gesagt  hat,  so  hat  man
zwar  als  Anspruch  aufgestellt,  dieses  Leben  als  unsterblich  zu
            
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