Full text: Philosophie der Kunst

Die Kunst als Befreierin. 
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realistischen Wissenschaft, die das als Objekt an sich annimmt und 
betrachtet, was von der Betätigung des wissenschaftlichen Gedankens 
erzeugtes Objekt ist; mit einer Haltung, die offenkundig der Re¬ 
ligion analog ist. 
Aber ob Religion oder Wissenschaft: die Dialektik des Geistes 
läßt insofern eine ästhetische Position zu, als dieser abstrakte 
Gedanke — unserer Beweisführung gemäß — seinen Platz im 
Rhythmus des geistigen Lebens nicht nur als Folge, sondern auch 
als Voraussetzung des Gefühls einnimmt. Religion wie Wissen¬ 
schaft wie jede Bestimmtheit, die das Subjekt in seinem Sich- 
objektivieren empfängt, kann sich später offenbaren, weil sie zu¬ 
nächst das Gefühl durchdrungen und sich mit dem Subjekt ver¬ 
schmolzen hat. Dies kann sich nicht in einem anderen Objekt 
spiegeln, das nicht es selbst ist, das sich objektiviert hat; denn Ge¬ 
danke ist Selbst-Bewußtsein und nichts weiter. Und das Subjekt 
zieht aus sich, was mittels des Denkens ans Licht kommt. So ist 
Religion zugleich mit dem Gefühl, doch nur insofern, wie sie sich 
als vom Gefühl unterschieden aufgehoben und sich mit diesem 
ihrem Gegensatz verschmolzen hat. Sie ist nicht mehr Gott, 
sondern das Gefühl Gottes: nicht die Wirklichkeit wie sie die 
Wissenschaft setzt, sondern das Gefühl dieser Wirklichkeit. Und 
schon ist der Gegensatz gefallen, der das Subjekt begrenzte; nun¬ 
mehr findet sich dieses als frei, als unendlich frei, allein mit sich 
selbst, das heißt ohne etwas anderes, ohne etwas, das sich ihm 
entgegenstellte, und vor allem ohne jene höchste, unendliche und 
absolute Wirklichkeit, vor der es das eigene Nichts fühlen müßte. 
Der Herr ist zum Knecht geworden, und der Knecht hat sich von 
seinen Ketten befreit, um den Herrn in Ketten zu legen. Vom 
Standpunkt der Kunst sieht man die Religion nicht. Im „Jüngsten 
Gericht“ ist sicherlich Gott, aber sein Schöpfer ist Michelangelo. 
In dieser Dialektik versteht man auch, in welchem Sinne man 
sagen kann, daß auch die Religion das Menschenherz erhebt und 
tröstet. Ebenso tun es in ihrer Art Wissenschaft und Philosophie 
und überhaupt der Gedanke. Die Religion gibt in ihrer Eigenart 
dem Gewissen die Sicherheit einer unendlichen Wirklichkeit, von 
der alles abhängt, und in der das Herz daher einen festen Stütz¬ 
punkt findet, jenseits aller Zweifel und aller Ungewißheit. 
Aber diese Gewißheit würde durch sich selbst den menschlichen 
Geist zerstören und ihn am Fuß der Altäre vernichten. Damit sie 
ihn mit neuer Kraft erfülle und das Herz des Menschen erheitere, 
muß sie Gefühl oder Trunkenheit des Göttlichen werden: jene 
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