Full text: Philosophie der Kunst

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Die Attribute der Kunst. 
Kunst und Religion, so in Gegensatz zueinander gestellt, sind 
nicht zwei geschichtliche Wirklichkeiten oder, wie wir sagen, zwei 
geistige Aktualitäten, sondern zwei Momente des Aktes, in dem 
sich geschichtlich das Leben des Geistes verwirklicht. Und un¬ 
zulässig ist jeder Übergang von dem rein idealen Moment zur Ge¬ 
schichte, wenn man nicht darauf achtet, mit allem Nachdruck zu 
bemerken, daß das, was man von den Eigenschaften des Moments 
im geschichtlichen Gebiet ableiten kann, einen Wert nur so weit 
hat, wie man in der geschichtlichen Wirklichkeit jenes einzelne 
Moment betrachtet, um das es sich handelt. Und wenn man in dem 
Kunstwerke auf das treffen will, was für die Kunst charakteristisch 
ist, so darf man das Werk nicht in seinem ganzen Umfang nehmen, 
in dem es geschichtlich wie eine bestimmte Wirklichkeit vor uns 
steht und in dem das ästhetische Moment mit anderen und ver¬ 
schiedenen Elementen in konkreter Synthese verknüpft ist, von der 
man tatsächlich nur ideell absehen kann. Verknüpft ist es vielmehr 
eigentlich mit dem Element, das die unmittelbare Antithese der 
Kunst ist, mit dem objektiven Moment des Selbst-Bewußtseins, 
mit dem Objekt, das nicht Subjekt ist und dessen Sein daher die 
Verneinung des Seins des Subjekts ist, — mit dem religiösen Mo¬ 
ment. Kunst und Religion gehen immer zusammen, gerade weil 
die eine Verneinung der andern ist. Und in ihrem unlöslichen Zu¬ 
sammenhang besteht die aktuelle Wirklichkeit des Geistes, die da¬ 
her dialektisches Werden oder Identität von Sein und Nichtsein 
ist. Ist das nicht die Bedeutung der geistigen Synthese? Nicht also 
weil die Religion sich der Kunst gesellt, hat sie Verwandtschaft 
mit ihr; ihre notwendige Verbindung beweist vielmehr ihren 
wechselseitigen Gegensatz und Ausschluß, auf Grund dessen die 
Kunst die Religion ausschließt und umgekehrt. 
Was wir im Verlauf der vorliegenden Abhandlung als Gedan¬ 
ken im Gegensatz zum Gefühl bezeichnet haben, ist, soweit es ent¬ 
gegengesetzt ist, abstrakter Gedanke: was der Gedanke nur als 
Aufhebung der eigenen Subjektivität erfassen kann. Absolute Ne¬ 
gativität, absolute Objektivität. Relative Negativität, relative Ob¬ 
jektivität, hinsichtlich der das Subjekt ist und nicht ist. Es ist, so¬ 
weit das Objekt mit Bestimmungen angetan ist, die zugleich Wir¬ 
kung der subjektiven Aktivität des Gedankens sind. Es ist nicht, in¬ 
soweit das Subjekt sich das so bestimmte Objekt entgegenstellt und 
sich die Subjektivität der Bestimmungen entgehen läßt. Das absolut 
negative Objekt des Subjekts ist Gott, das Unendliche als Objekt. 
Das relativ negative Objekt ist das Objekt der naturalistischen oder
	        
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