Full text: Philosophie der Kunst

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Die Attribute der Kunst, 
wir hier pflücken, voll stachliger Dornen ist und schon welkt und 
abfällt, während wir mit unserer Hand und unserem Wunsch nach 
ihr greifen. Und er enthüllt uns, daß alles, was lebend ist (wie wir 
es sehen) stirbt, daß alle Quellen, aus denen wir trinken, um zu 
leben, vertrocknen, daß das Leben ein mühevolles Gehen ohne 
Ziel ist, an dem der Mensch seinen Tag mit Ruhe beschließen 
könnte. 
In dieser Pein gibt es für uns einen Trost — einen Trost für 
den, der denkt. Denkt man aber nicht, so kann man die Augen 
nicht öffnen, ohne in den Strom des Schmerzes geschleudert zu 
werden, aus dem man ans Ufer gelangen möchte. Und anders ist 
es nicht möglich, denn Denken ist nicht Intuition und unmittel¬ 
bare Selbstentdeckung. Es ist Prozeß; das will besagen, daß man 
immer wandert und daher immer ankommt und nie ankommt. 
Man ist, soweit man nicht ist, und man leidet, und die Welt be¬ 
völkert sich mit angsterregenden und feindlichen Gespenstern, 
und bei jedem Schritt drohen Mauern, die unübersteiglich scheinen. 
Ist das nicht das Leben auch für den, der die Dinge nicht tragisch 
nimmt? Mag man eine Komödie statt einer Tragödie schreiben, — 
was tut es? Sie ist ein „Lachen, das nicht ins Innerste dringt“. 
Und so ist es immer. Was für Schwierigkeiten hat der Schrift¬ 
steller nach immer erneuten Kraftanstrengungen bezwungen und 
bewältigt! Und seit er begann, vom ersten Tage an, da er die 
Feder ergriff und den ersten Entwurf seiner Arbeit zu Papier 
brachte — welche Ängste längs des Weges, mit der Seele immer 
am Ziel, das heißt beim Ganzen, beim erwarteten Werk, das noch 
nicht gegenwärtig, das noch zu erreichen und zu erobern ist. Welche 
Freude für Manzoni, wie er allmählich in seiner Welt seine Ge¬ 
stalten sich bewegen sah, denen er mit lächelndem Auge folgte und 
die er in einer festen und heiteren Welt in der reinen Luft des 
Glaubens sah, doch mit allen ihren Fehlern und ihren komischen 
Schwächen, mit höherem und wahrhaft überlegenem Geist! Nun, 
als er die „Verlobten4 beendigt hatte, war er noch unzufrieden. 
Soviel Arbeit und soviel noch zu arbeiten. Und soviel Zeit noch 
vor sich, erfüllt von Arbeit: Arbeit, die noch zu leisten war, und 
die kein Wille unterdrücken kann: unerbittlich wie das Schicksal 
der Tragödie. Die Schöpfung ist Freude am Ziel, in ihrem sich 
Vollenden aber Schmerz wie das Gebären der Frau. 
Das ist der tiefe Schmerz, der dem Gedanken immanent ist, 
und der ohne den Balsam der Kunst nie Waffenstillstand gewähren 
würde. Wenn ein Kreis des Gedankens sich schließt und mit dem
	        
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