Full text: Philosophie der Kunst

Die Kunst als Befreierin. 
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dem der aristotelischen Katharsis verbunden, spezifisches Attribut 
der tragischen Dichtung, ist der in der klassischen Poetik nicht 
weniger berühmte Begriff des Genusses als allgemeine Eigenschaft 
jeglicher Dichtungsform. Wenn aber, als wesentliche Wirkung 
ihrer Struktur, Ziel der Tragödie die Befreiung vom Schmerz ist, 
der mittels der Tragödie erregt und verstärkt wird, weil in der 
Befreiung der Seele vom Schmerz das Gefühl als Wohlgefallen 
sich verwirklicht, bewirkt die Tragödie das, was jede Dichtung 
bewirken muß: sie erweckt Wohlgefallen, sie ergötzt. 
Die moderne Ästhetik spiritualistischer Richtung hat diesen 
Genuß als hedonistischen Charakter der klassischen Ästhetik ver¬ 
dammt; wenn aber unsere Lehre vom Gefühl wahr ist, so ist der 
Genuß als Moment geistiger Aktivität zu denken und eben mit dem 
Gefühl gleichzusetzen, in dem das Wesen der Kunst besteht. 
Dann muß man anerkennen, was an Wahrem in dem Gedanken 
der Freunde der Kunst lag, die sie zu erhöhen glaubten, indem sie 
ihr als Ziel den Genuß zuschrieben, und in dem ihrer Gegner (My¬ 
stiker des Mittelalters wie aller Zeiten), die die Kunst wegen jenes 
feilen Gewerbes, das das ihre sein sollte, zu erniedrigen suchten, oder 
glaubten, sie zu rechtfertigen, indem sie aus ihr ein Instrument 
für den Unterricht von Wahrheiten machten, die für die moralische 
und religiöse Gesundheit des Menschen nützlich wären und die in 
der angenehmen Form der Kunst dargereicht würden. Die Freunde 
strebten in noch dunkler und unzulänglicher Form danach, den 
innersten Charakter der Kunst, die Freude und „Grund und 
Ursach’ jeder Freude“ ist, begrifflich zu bestimmen. Die Feinde 
sahen auf das, was vom Standpunkt der vollen Synthese des 
Geistes in dem subjektiven Moment der Kunst an Fehlerhaftem 
sei. Und sie mußten darauf achten, erfüllt wie sie vom Sinn des 
Göttlichen waren, das reine Objektivität und Gegensatz des Ge¬ 
fühls ist. Mit dieser Subjektivität verschließt sich das Subjekt in 
sich selbst und findet nichts, was sich ihm entgegenstellt oder ihm 
Widerstand leistet. Denn mit der starken Hefe seines innersten 
Lebens löst es alles auf, gleicht es sich an und macht es zu seinem 
eigenen Bestandteil. In seiner unmittelbaren Stellung ist es Ver¬ 
neinung Gottes, wenngleich mit mystischer Leidenschaft begrün¬ 
det: mit gelebter, nicht theoretisch erdachter Leidenschaft. 
Das mystische Bewußtsein ist umgekehrt ein Zunichtewerden 
des Subjekts, das in dem unendlichen weil einzigen Objekt auf¬ 
geht und sich in ihm einschließt und in ihm (nach dem überliefer¬ 
ten Ausdruck der Mystiker) zerfließt: es bleibt das reine Objekt
	        
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