Full text: Philosophie der Kunst

Liebe und Sprache. 
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Ausdruck zu verleihen. Das Subjekt muß sich zum Objekt machen, 
es muß die wirkliche Synthese des Geistes zur Verwirklichung 
kommen, damit die Seele, wenn man so sagen darf, in die Welt 
einbreche, sich offenbare und die Welt in sich aufnehme, um sie in 
ihrem eigenen Leben klingen und schwingen zu lassen. Der Ge¬ 
danke muß mit seiner Analyse des primitiven Ununterschiedenen 
eingreifen; er muß es ändern und vervielfältigen und Element von 
Element unterscheiden, er muß es gliedern und in seinem Aufbau 
in der Einheit des Vielfältigen, die die Form des Gedankens ist, 
lösen. Dann vervielfältigt sich, wie wir sagten, das Gefühl selbst 
und nimmt organische Form an: der Körper in nuce, den es dar¬ 
stellt, entfaltet sich in verschiedene Teile, die verbunden, ja im 
Kreislauf seines Lebens und seines Daseins vereinigt sind. So unter¬ 
scheiden sich dann die vielfältigen physischen Elemente und werden 
zu ebenso vielen Worten, die die Organe des Organismus bilden, 
in dem der Gedanke Gestalt und Wirklichkeit annimmt. Es sind 
die physischen Elemente, in die die Einheit der Natur zerfällt, die 
die Einheit des Körpers als objectum mentis oder besser das Ur- 
gefiihl des Geistes ist. Und wer die Worte verstehen will, wehe, 
wenn er sie eines nach dem anderen sich vornimmt, wie der Ge¬ 
danke sie zusammensetzt; wehe, wenn er sie im Wörterbuch sucht; 
wehe, wenn er sich bei der Betrachtung ihres Klanges aufhält, der 
ein Zusammenklingen zahlreicher Klänge ist, oder bei ihren gram¬ 
matikalischen Abwandlungen, kurz bei dem, was sie mechanisch 
an sich sind, der Seele beraubt, die in der Synthese des zum Aus¬ 
druck gelangten Gedankens schwingt. Der Gedanke ist unter einer 
Bedingung denkbar: daß er das Denken eines Denkenden sei, und 
daß man ihn daher in dem Flusse erfasse, der aus der denkenden 
Seele herausströmt. 
Mit einem Wort: die Sprache ist Organismus, der in der Viel¬ 
falt seiner Entwicklung Gedanke, in der Einheit, die diesen Ge¬ 
danken beseelt, Gefühl ist. Sie ist bedeutungsvoll, insoweit sie 
Gefühl ist; losgelöst von diesem, wird sie zu Feuer, das bald in 
Asche zerfällt. Sowohl in ihrer Vielheit wie in ihrer Einheit ist 
die Sprache daher immer Geist, nicht wie sie gewöhnlich aufgefaßt 
wird, gleichsam ein Bekleidungsstück des Gefühls oder des Ge¬ 
dankens, das dem Leben des Geistes anzufügen wäre. Über den 
Gedanken hinaus, der das Leben in seiner Vielfalt wandelt, über 
das Gefühl hinaus, das diese Vielfalt zu seiner Einheit zusammen¬ 
zwingt, gibt es nichts Drittes als Zuflucht.
	        

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