Full text: Philosophie der Kunst

Der menschliche Charakter der Kunst. 
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reine Biologe, der reine Astronom, der reine Jurist usw. Mit 
einem Wort: er ist kein Mensch, weil er kein Philosoph ist. Er 
begnügt sich mit der Betrachtung einer einzelnen Seite der Dinge, 
die doch viele Seiten haben und von allen Aspekten aus untersucht 
werden müssen; er läßt eine einzige Saite des menschlichen Geistes 
schwingen, der vielsaitig ist und zum Tönen nur kommt, wenn er 
als Ganzes schwingt. Das ist die Sorge des Philosophen wie jedes 
Menschen, soweit er ein lebendiger Mensch ist, der am Leben Anteil 
nimmt und alle seine Interessen mit offenen Augen allen Seiten der 
Welt zukehrt, in der er sein Leben lebt; nicht aber ist es die Sorge 
des reinen Wissenschaftlers, der mit ganzer Seele sich einem Teil 
der Objekte des Denkens verhaftet: mag dieser Teil so umfassend 
wie nur möglich sein — er selbst muß als Mensch, der trotz seiner 
reinen Wissenschaft doch auch Mensch bleibt, wahrnehmen, daß das 
nicht alles ist. 
2. 
Universalität der Kunst. 
Das Problem der Kunst entspringt also nicht der Neugier, son¬ 
dern es ist ein wahres und eigentliches—ein philosophisches Problem. 
Es ist nicht zufällig, sondern notwendig. Und die Philosophie be¬ 
schäftigt sich mit ihm, weil alle Menschen sich mit ihm beschäftigen. 
Und sie müssen sich mit ihm auseinandersetzen, weil zu ihm die 
beiden Merkmale gehören, die allen menschlichen Problemen eigen 
sind. Eines der Merkmale besteht darin, daß die Kunst nicht von 
außen her und nebensächlich an den Menschen herantritt wie all 
das, was, sobald es zum sogenannten Inhalt der menschlichen Er¬ 
fahrung wird, sein und auch nicht sein kann, weil der mensch¬ 
liche Geist, das Subjekt der Erfahrung, derselbe bleibt: wie alle 
Gegenstände der Natur, deren jeden wir erkennen oder wünschen 
oder gemeinhin als Arbeitsmaterial behandeln oder nicht, und die 
uns daher mehr oder weniger interessieren; oder wie irgendwelche 
einzelnen geschichtlichen Tatsachen, die wir nach und nach ver¬ 
stehen lernen, oder die wir nicht beachten, ohne daß unser Leben 
wesensmäßig zu ihrer Erkenntnis seinen Lauf änderte, und ohne 
daß wir in unserm Innern wegen dieser Unkenntnis in unerträg¬ 
liche Bekümmernis gerieten. Ganz anders die Kunst: sie gehört 
zum Innerlichsten des Menschen, zu dem, was untrennbar zu seinem 
Leben gehört, besser zu dem, wovon der Mensch nicht absehen 
kann. Und wenn man das Denkbare in zwei Teile aufteilte, deren
	        

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