Full text: Philosophie der Kunst

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Die Aktualität der Kunst. 
blick keinen Bedarf, weil sich nichts denken läßt, was nicht in ihr 
selbst ist, da sie aufgehört hat, endlich zu sein. So ist unsere Er¬ 
fahrung nicht mehr Verhältnis zu der Außenwelt, sondern zu sich 
séìbst. Um die Erfahrung zu ermöglichen, ist in unserm Innern 
nicht ein aktives und ein passives Moment gegeben; denn eben das 
Objekt oder der Inhalt des Erkennens ist der lebendige Beweis 
der schöpferischen Kraft des Subjekts, die das Subjekt setzt, indem 
es zugleich das Objekt setzt, und dieses wird gleichzeitig mit dem 
ihm entsprechenden Subjekt im ganz lebendigen Akt des Denkens 
geboren. Dieses kann und muß Erfahrung genannt werden, inso¬ 
weit der Geist in seinem Denken sich selbst erfährt (experitur), 
sich verwirklicht und seine Kraft erweist, die nicht willkürliche 
Annahme sein kann, sondern Wirklichkeit werden muß. Der Prüf¬ 
stein für die so verstandene Erfahrung wird nicht mehr das Ge¬ 
gebene sein: er liegt nicht in dem Wirklichen, das der Erfahrung 
unterliegt, sondern in ihr selbst, in ihrer Ganzheit. Übrigens sah 
Kant selbst, daß das Maß der Erfahrung nur die Erfahrung selbst 
sein könnte.15) 
Aber in der so verstandenen Erfahrung ist nicht nur das Erzeug¬ 
nis jener in zweiter Linie kommenden Aktivität enthalten, deren 
Ausübung nach Kant das System der Formen a priori des Geistes 
voraussetzt, sondern auch der Prozeß der ursprünglichen Aktivität, 
die diese Formen errichtet. Sie alle sind zeitlich errichtet — wie 
die Gebilde der im Kantschen Sinne verstandenen Erfahrungen — 
wenn man sie von außen her oder außerhalb ihrer aktuellen 
Wirklichkeit betrachtet. Unabhängig von der Zeit aber sind sie 
errichtet, in der Ewigkeit, die dem Leben des Geistes zukommt, 
wenn man sie im Akte selbst ihres Sich-Erzeugens betrachtet, wie 
sie sich lebendig, im Gedanken, zeigen. Eine Bemerkung, die vom 
Nutzen sein sollte, aber man weiß a priori, daß sie den gewöhnlichen 
oberflächlichen Philosophen der schönen Literatur wenig helfen 
wird, die melancholisch dabei bleiben (ach! diese grenzenlose 
Melancholie der nicht theologisierenden Philosophen), das Zeitliche 
und das Ewige, den empirischen und den reinen Gedanken, nicht 
nur voneinander zu unterscheiden, sondern es voneinander zu 
trennen. Und wenn sie nicht der Philosophie, die sie für eine 
einfache Methodologie erklären, den Rücken wenden, um sich mit 
den rohen und roh begriffenen Verhältnissen der Geschichte und 
15) Zu diesem Erfahrungsbegriff vergleiche meine Abhandlung: „L’esperienza 
pura e la realtà storica“ (1914), nachgedruckt in der 2. Ausgabe der „La riforma 
della dialettica hegeliana“, Messina, Principato, 1923, S. 249 ff.
	        
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