Full text: Philosophie der Kunst

Das Gefühl. 
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Und es versteht sich, weshalb das die Tendenz der griechischen 
Philosophie sein mußte, und weshalb diese Tendenz stärker als je 
zuvor im modernen Zeitalter in einer Philosophie Bestätigung fin¬ 
den sollte, die wegen einer ihrer grundlegenden Gesichtspunkte als 
die Quintessenz der griechischen Lebensauffassung anzusehen ist: 
ich spreche von der Philosophie Spinozas. Seine „Ethik“ ist ganz 
aufgebaut als Lehre von der Freiheit, die mittels der Befreiung 
der Seele von den Leidenschaften erobert wird; um sich von ihnen 
zu befreien, genügt es, sie zu kennen, das heißt ihre Ursachen zu 
entdecken und sich von ihrer natürlichen Notwendigkeit Rechen¬ 
schaft abzulegen. Eine solche Anschauung wird verständlich, wenn 
man sich über den vollkommen naturalistischen und intellektualisti- 
schen Charakter dieser Lebensauffassung klar wird; für sie war die 
Wirklichkeit Natur, Kosmos, wie sie unabhängig vom Gedanken des 
Menschen besteht, und die der Mensch natürlich nicht umzuge¬ 
stalten strebt, um daraus eine bessere Welt zu schaffen, die seine 
Welt, die moralische Welt wäre, sondern die der Mensch nur zu er¬ 
kennen strebt. Und daher wurde die wesentliche Funktion des mensch¬ 
lichen Geistes als eine rein theoretische und spekulative Aktivität 
aufgefaßt, die jeder praktischen Wirksamkeit enthoben war. Und 
der Wille, den man doch zulassen mußte, um von dem praktischen 
menschlichen Leben, in dem das Individuum seinen Kausalgesetzen 
gemäß wirksam ist, Rechenschaft zu geben, wurde dieser Auffassung 
gemäß ideell auf ein Organ der Vernunft zurückgeführt, um dieses 
menschliche Wirken mit dem Naturgesetz in Einklang zu bringen. 
Und diese Aufgabe erschien tatsächlich mehr negativ als positiv, 
gleichsam bestimmt, aus den Köpfen der Menschen jeden tollen 
Wunsch zu entfernen, der Wirklichkeit, die ist, was sie ist, und 
die sich nicht ändert, um uns Freude zu bereiten, Widerstand zu 
leisten. Das Ideal dieser Philosophie wird die Weisheit, der 
volle Zusammenklang der von der Vernunft vollendeten mensch¬ 
lichen Persönlichkeit mit der Natur, wie die Vernunft sie auffaßt, 
oder deren Spiegel vielmehr die Vernunft ist. 
In einer solchen Auffassung findet das Gefühl keinen Platz. Es 
ist eine Schlacke des Menschen, der geboren ist, seine eigene ver¬ 
nünftige Natur vollendet zu entwickeln, und der von Anfang an 
in das Sinnesvermögen verstrickt ist, das ihm zugleich Weg und 
Hindernis des Erkennens wird; allmählich muß er sich von dem 
trügerischen Schein der sinnlichen Erkenntnis befreien, um sich zur 
Vernunft zu erheben. Das Gefühl bindet den Menschen an das mate¬ 
rielle und sinnliche Leben, durch das er den niederen Lebewesen
	        
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