Full text: Philosophie der Kunst

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Die Aktualität der Kunst. 
Dennoch ist der Mensch so oft versucht gewesen, sich das dich¬ 
terische Feuer wie etwas Natürliches und die ganze göttliche Kunst 
wie ein liebliches Geschenk vorzustellen, was den Wenigen gemacht 
wurde, quos amavit Jupiter. So oft hat man geglaubt, die falsche 
Kunst deshalb verdammen zu können, weil sie Frucht des Willens 
an Stelle der freien Eingebung sei, die sich, wo sie vorhanden ist, 
wie eine übermächtige Kraft der Seele des Künstlers bemächtigt 
und ihn gleichsam in einer Art höheren Wahnsinns aus sich selbst 
herauszieht. 
Das alles sind aber nur angenäherte und ungenaue Beobach¬ 
tungen; man hat in ihnen zwar eine Wahrheit vor sich, aber keine 
umgrenzte, keine geklärte, keine vollendete Wahrheit. Zunächst ist 
zweifellos, daß, wenn man von Freiheit spricht, man von Willen 
spricht. Wenn man in der einen oder andern Weise eine Freiheit 
in demselben Urteilsakt zuläßt, der daher wahr oder falsch sein 
kann, so gibt es keinen Philosophen, der den Willen nicht an dem 
gleichen erkennenden Denken teilhaben ließe. Ohne Willen oder 
reformerische und umgestaltende Kraft dessen, was das Subjekt 
von Natur ist, gelangt man nicht zum Guten, geschieht nichts 
Gutes; aber man kommt auch nicht zur Wahrheit, niemandem ge¬ 
lingt es, zwei Worte zusammenzustellen, die einen Sinn haben. Es 
ist also außer Zweifel, daß die Freiheit der Schöpfung der Werte 
ihre Gewolltheit in sich trägt. Wäre der Künstler ein einfaches vas 
electionis, so wäre er wie die Saiten der Violine, außerhalb der 
Schöpfung der Kunst, und der Künstler wäre nicht er, wäre nicht 
Paganini, sondern wäre Gott. Und das Problem der Freiwilligkeit 
und der Gewolltheit der Kunst, dieser beiden Eigenschaften, die 
einander zu widersprechen scheinen, wäre vertagt, aber nicht gelöst. 
Wenn nun wirklich Freiwilligkeit und Gewolltheit einander 
widersprächen, so müßte man immer zwischen dem einen oder dem 
andern Begriff wählen, und man müßte der Kunst nicht nur den 
Willenscharakter, weil sie spontan ist, sondern dem Denken und 
dem Handeln die Spontaneität absprechen, weil diese zweifellos 
willensbedingt sind. Die Spontaneität aber ist — was im allgemeinen 
weniger beobachtet wird — auch in allen erkennenden und prakti¬ 
schen Prozessen vorhanden; in ihnen ist eine dauernde Jagd, genau 
wie in den künstlerischen Arbeiten, nach dem Künstlichen oder nach 
dem Gewollten, soweit es schlecht gewollt ist; in ihm kehrt sich der 
Vernunftschluß in ein Sophisma, die vernünftige Überlegung in 
übertrieben folgerichtige Pedanterie, die Gewissensreinheit in Puri¬ 
tanismus um usw. Auch im Denken, im Überlegen, im Beweisen,
	        
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