Full text: Philosophie der Kunst

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Die Aktualität der Kunst. 
vorzuziehen ist: das Schöne dem Häßlichen, das Wahre dem 
Falschen, das Gute dem Bösen. Absolut vorzuziehen in der Art, 
daß, wer es nicht vorzieht, seinem eigenen Wesen widerspricht. 
Aber um vorzuziehen oder zu wählen, genügt nicht schon die ein¬ 
fache Betrachtung, sondern es bedarf des Willens: des freien 
Willens, der nicht nach Motiven, die auf ihn einwirken, handelt, 
sondern sich in seinem Handeln selbst bestimmt, indem er den 
Wert erkennt des Objekts, an das er sich wendet oder der Hand¬ 
lung, zu der er sich entschließt. Ohne diese Freiheit gibt es nichts 
Gutes, das man vom Bösen unterscheiden kann, noch Wahres, das 
man als solches dem Falschen entgegenstellt. Und es ist, wie wir 
beobachtet haben,6) die absolute Unmöglichkeit, auf jede Unter¬ 
scheidung zwischen Wahrheit und Irrtum zu verzichten, ist gerade 
der schlagendste Grund zu behaupten, daß das denkende Wesen 
frei ist, und daß sich das ganze Leben des Geistes in der Frei¬ 
heit entfaltet. 
Um so von einer Schönheit der Natur zu sprechen, wobei man 
unter Natur den Gegensatz des Geistes versteht, d. h. das Reich 
des Mechanismus, in dem Freiheit nicht möglich ist, müßte man 
den Begriff „Schönheit“ von dem Begriff „Wert“ scheiden können: 
das hieße ebensoviel wie das Schöne und das Häßliche in dieselbe 
Ebene stellen, wenn man von Formen der Natur spricht, kurz, sie 
nicht mehr unterscheiden. Das wäre ein Widerspruch an sich, 
spräche man von einem Schönen, das nicht schön und von einem 
Häßlichen, das nicht häßlich ist. 
Man sprach und spricht von dem Naturschönen in zwei Be¬ 
deutungen, in denen man tatsächlich dem bezeichneten Widerspruch 
zu entgehen sucht, indem man die Sinnlosigkeit vermeidet, den Er¬ 
zeugnissen der mechanischen Welt einen Wert zuzuschreiben. Ent¬ 
weder mißt man der Natur eine innere Zweckmäßigkeit bei, die sie 
durchgeistigt, eine gleichsam rudimentäre Form des Geistes, dann 
wird das Naturschöne zu einem Werk einer großen Kunst, das sich 
vor der Heraufkunft des als menschlicher Geist verstandenen 
Geistes verwirklicht. Oder man betrachtet die Natur als subjektiven 
Spiegel der menschlichen Gefühle, und dann gehört das Schöne 
gerade nicht der unbewußten Natur an, sondern dem Menschen, der 
mit seinen Augen in einer Landschaft einen eigenen Seelenzustand 
widergespiegelt oder ausgedrückt sieht. In diesem Falle wird der 
natürliche Gegenstand von einer äußeren, geistigen, künstlerischen 
) Vgl. oben Einleitung Kapitel II § 4.
	        
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