Full text: Hans Driesch

Indes, der Parallelismus läßt sich unmittelbar widerlegen, und 
diese Widerlegung in besonders klarer Form geleistet zu haben bei 
all der ihm eigenen „sparsamen“ Zurückhaltung und Vorsicht, ist 
auch ein endgültiges Ergebnis der Drieschschen Lebensarbeit. Über 
seinen Gedankengang ist vorne schon berichtet. Wir wollen die Aus¬ 
einandersetzung, an der seit der Jahrhundertwende unter anderen 
auch F. Brentano, Stumpf, Busse, Becher, Wolff, Wenzl, Friedrichs 
beteiligt waren und sind, in die also auch noch andere als die von 
Driesch in den Vordergrund gestellten Erwängungen eingehen, in 
eigener Gedankenführung geben. Der psychophysische Parallelis¬ 
mus fordert: 1. Wenn die und die materielle Konstellation auftritt, 
dann tritt dies und dies Erleben auf und umgekehrt; 2. die materielle 
Konstellation ergibt sich nach physikochemischen Gesehen je aus 
der vorausgehenden. Folgerichtig muß man daher zur Annahme 
eines universellen Parallelismus schreiten: jedem materiellen Ge¬ 
schehen muß eine seelische Seite entsprechen, denn warum sollte bei 
einer bestimmten Komplikation der Anordnung gerade etwas so 
grundsätzlich anderes und Neuartiges auf treten? Der ursprünglich 
in Aussicht genommene Parallelismus in unserem Leben erwiese sich 
also nur als ein spezieller Fall, ein partieller Parallelismus, wie man 
ihn zu nennen pflegt. Damit geraten wir bei einer scheinbar mehr 
positivistischen Theorie gleich in eine sehr problematische Metaphy¬ 
sik. Aber wie sollen denn sinnhaltige seelische Zusammenhänge und 
Abläufe überhaupt sinnfreien resultantenhaft-physischen Vorgängen 
parallel sein können? Oder, wie sollen grundsätzlich, wenn wir die 
nichtmaterialistische, oben an dritter Stelle genannte Deutung neh¬ 
men, zwei Kausalreihen, von denen die eine autonom nach physiko¬ 
chemischen Gesehen, die andere nach ebenfalls selbständigen psycho¬ 
logischen z. B. Denk- und Motivationsgesetzen abläuft, einander ent¬ 
sprechen können und entsprechend bleiben können? Im Grund liegt 
in den beiden Fragen schon die Antwort eingeschlossen und die Lö¬ 
sung der Schwierigkeit liegt eben darin, daß der Parallelismus gar 
keine Erfahrung ist, sondern eine Annahme, von der sich heraus¬ 
stellt, daß sie sich nicht halten läßt. Das wollen wir in knapper Aus¬ 
führung uns nun auseinander- und darlegen. Der Parallelismus 
scheitert grundsätzlich schon an dem unverkennbar evidenten Primat 
bald des Physischen, bald des Psychischen, den wir von vorneherein 
mit Nachdruck betonen wollen. Es besteht aber auch, vom Erleben 
abgesehen, gedanklich gar keine Entsprechung, wie sie der Parallelis¬ 
mus meint. Es besteht nicht nur in Bezug auf das „Wie“ der Ent¬ 
sprechung keine Vorstellungsmöglichkeit, sondern es besteht über¬ 
haupt keine durchgängige Entsprechung und Entsprechungsmöglich¬ 
keit: Es besteht 1. keine gliedweise Entsprechung der Reihen; es 
6' 
83
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.