Full text: Hans Driesch

deutigkeit und Mehrmöglichkeit stehen im inneren Zusammenhang, 
aber doch als begrifflich selbständige Argumente: 2. die höhere 
„Mächtigkeit“ des organischen Geschehens gegenüber dem anorga¬ 
nischen, die Steigerung des Mannigfaltigkeitsgrades und der Ord¬ 
nung; es gibt mehr biologische Bedarfsfälle und ein reicheres Maß 
von Entfaltung, als durch Anordnung vorgesehen sein können; 3. 
die in dem Sinn von „Bedeutung“ schon inbegriffene Bedeutungs- 
haltigkeit und Sinnhaftigkeit der Entwicklung und des Verhaltens 
in Aktion und Reaktion. Alle diese Beweise und Charakteristiken 
stehen unter dem Übergriff, den sie erzwingen, der Zielstrebigkeit 
zu einer Ganzheit-im-Werden-und-sich-Erhalten, und zwar einer mehr 
als nur morphologischen, einer sinntragenden Ganzheit. 
Die Unzulänglichkeit einer auch nur modellhaft grundsätzlich 
möglichen Erklärung aus den Gesehen, die einen physikalischen 
Mechanismus beherrschen, darf heute als unbestritten gelten. Mit 
der Maschinentheorie von J. Schultz hat sich Driesch selbst ausein¬ 
andergesetzt. Aber schon B. Bavink läßt doch den Gedanken offen, 
oh Driesch’s Beweise auch für eine chemische Maschine gelten, und 
E. Rhunibler bekennt sich trotz Drieschs Widerlegung der Maschi¬ 
nentheorie als Mechanisten* 5: Der Autonomiebeweis Drieschs sei nur 
anzuerkennen, wenn man sich ein aus festen Teilen zusammen- 
gese^tes Modell denke. Anders stehe die Sache bei flüssigen oder 
zeitweise flüssigen heterophasischen Systemen. Der flüssige oder 
wieder verflüssigte Zustand erlaube eine Verschiebung der Struk¬ 
turkomponenten nach Maßgabe der Schwere und Oberflächenspan¬ 
nung, die sehr wohl das frühere Gleichgewichtsbild des Systems 
wiederherstellen könnten, wenn einzelne Teile aus ihm weggenom¬ 
men würden. Freilich, fügt Rhunibler hinzu, der Vitalismus habe 
keine Veranlassung, sich gegen den Vergleich des Organismus mit 
einer Maschine, die mit chemisch-physikalischen Mitteln . . . sich 
zum Endresultat des entwickelten Tieres „hinarbeitet“, zu sträu¬ 
ben, denn auch „Maschinen kennen wir ja immer nur als Intelligenz¬ 
produkte“. „Dem Mechanisten scheint es denknotwendig (!), wenn 
auch zur Zeit im Einzelnen nicht vorstellbar, daß die Entelechie- 
faktoren“ (wenn man die „planmäßige Zielstrebigkeit“, den „Intel¬ 
ligenzfaktor“ so nennen wolle), „welche das in Rätselform akzep¬ 
tierte Entelechieproblem zu lösen berufen erscheinen, mit der er¬ 
sten organischen Stoffkomposition bei der Urzeugung also entweder 
als Akzidenz oder als direktes Erzeugnis oder als ein von außer¬ 
5 B. Bavink, Ergebnisse und Probleme der Naturwissenschaften, 8. Auflage, 
S. 441 ff.; L. Khumbler, Das Lebensproblem, S. 73. An Rhumblers Einwand sei 
auch darum erinnert, weil er unschwer in moderne physikalische Vorstellungen 
iibersetjt werden könnte. 
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