Full text: Hans Driesch

Existenz von zeitlichen Zerfallskoustanten hei radioaktiven Stoffen äußert. 
Was hier von unten gesehen als Freiheit, Willkür, Unbestimmtheit er¬ 
scheint, folgt doch dem Kollektivgese^. Freilich wird eine Vorausbestim- 
rtiung für das Individuum illusorisch; soweit reicht unser Wissen und Er¬ 
kennen nicht. Man könnte sagen: Hier ist das einzelne Elektron, Proton, 
Atom usw. klüger als seine Beobachter; es „weiß“ genau, wann es dran ist. 
Das ist aber kein „Reservat“ der Atomphysik; schon beim Reagieren eines 
Atom- oder Molekular-Kollektivs nach thermodynamischen Gesetjen (ge¬ 
mäß Gleichgewichtsprinzipien) können wir über das Schicksal des Individu¬ 
ums nichts aussagen. Das Individuum muß durchaus Rücksicht nehmen auf 
das Ganze, sich dessen Weisungen fügen. Statistik ist hier ein Notbehelf, 
aber ein für die Praxis vollkommen ausreichender Behelf. 
Der langen Rede kurzer Sinn: Absolute Freiheit kann es in einer Welt der 
Wechselwirkung aller Dinge im Unreinen gar nicht geben; ob für einen Gott, 
sofern er über der Welt und ihren Geistern thront? 
Um den 10. August wollen wir, wenn es die hohe Politik erlaubt, nach 
Borkum fahren und dann um den 10. September wieder liier sein. Wir wer¬ 
den uns freuen, Sie bei uns zu begrüßen. 
M. 
Auf dieses Schreiben ist keine Antwort mehr eingelaufen, und Driesch’s 
geplanter Besuch in Heidelberg ist unterblieben. 
Von den schlimmen Bedrängnissen und gewaltsamen Einschränkungen, 
die Driesch’s Wirken in den letjten Jahren durch das bestehende Partei¬ 
regime erfuhr, habe ich in jenen Jahren seltsamerweise nichts Bestimmtes 
gehört — auch nicht durch seinen Freund Curt Herbst, mit dem ich doch 
öfter zusammentraf! 
Anfang 1941 richtete ich nach längerer Pause wiederum ein Schreiben 
an Driesch, über das keine Notizen vorhanden sind. Im März lief eine Ant¬ 
wortkarte von Frau Driesch folgenden Wortlautes ein: 
Leipzig, 13. März 1941 
Im Aufträge meines Mannes habe ich Ihnen bestens für Ihren langen 
interessanten Brief zu danken. Ich habe ihn meinem Mann vorgelesen. Er 
ist leider z. Zt. gesundheitlich gar nicht auf der Höhe. Die Ärzte (2 der 
medizinischen Ordinarien der Leipziger Universität) stellten „Zirkulations¬ 
störungen“ fest. Er muß ganz ruhig, nur seiner Gesundheit, leben. Jede 
geistige Tätigkeit muß unterbleiben, auch einfaches Briefeschreiben. Es 
strengt ihn alles gleich übermäßig an, so daß es sich von selbst verbietet. 
Bemerkbar ist dieser Zustand bei ihm seit Mitte bzw. Ende Januar. 
Mit besten Empfehlungen 
erg. 
(gez.) Marg. Driesch. 
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