Full text: Hans Driesch

seelischen Zustand und seine seelischen Abläufe zu stören, ja wie 
schon ein psychologischer Versuchsleiter seine Versuchspersonen so 
stört, daß er, je genauer er einen Zustand oder ein Verhalten er¬ 
fassen will, umso weniger über andere untrennbar mitverbundene 
Erscheinungen verfügen kann, ja überhaupt darüber verfügen kann, 
oh das, was er beobachtet, auch ohne seine Beobachtung eingetreten 
wäre. So (oder wenigstens nur so) ist es nicht, denn dieselben Glei¬ 
chungen und Ausdrücke, die für unsere willkürlichen Experimente 
gelten, sollen ja auch gelten ohne sie; auch die Natur selbst bringt 
ja enge Spalte an, nicht nur der Physiker, auch die Natur selbst läßt 
Lichtstrahlen auf Korpuskeln treffen, nicht nur der Experimenta¬ 
tor; ja, die mikrophysikalische Forschung wäre keine „Natur“for- 
schung, wenn sie nichts als ein Subjekt- Objektverhältnis zum Ge¬ 
genstand hätte. 
Es bleibt also bei der Alternative: Entweder 1. es ist zwar objektiv 
alles, was geschieht, eindeutig und restlos bestimmt, beide komple¬ 
mentären Komponenten sind determiniert, wir müssen es aber bei 
dem Rätsel belassen, die unbekannte Ursache je klären zu können, 
aus der für die Beobachtung die Heisenbergsche Unsicherheitsrela¬ 
tion entspringt, d. h. aus der die Einengung des „Hier“ und „Jetjt" 
zu einer Erweiterung des Spielraums für das „Dann“ und „Dort“ 
führt; wir können nur sagen, daß durch das Wirkungsquantum für 
das Elementargeschehen Gegenwart und Zukunft in diskontinuier¬ 
licher Weise, die an ein „Alles- oder Nichtsgesetj“ erinnert, verkettet 
sind, in anderer Weise als in der zeitlich-kausalen kontinuierlichen 
Abfolge der klassischen, der „Makrophysik“; oder 2. wir nehmen 
die Unsicherheitsrelation beim Wort und sehen in der Unbestimm¬ 
barkeit eine Folge der objektiven Unbestimmbarkeit selbst. 
Die theoretische Physik selbst ist jedenfalls nicht in der Lage, das 
zu entscheiden. Stellen wir uns aber auf den letzteren Standpunkt, 
so heißt das: in das automare Elementargeschehen geht ein Spiel¬ 
raum von Freiheit ein. Zugunsten dieser Auffassung kann zwar 
nicht als Beweis, aber als Hinweis angeführt werden die Tatsache, 
daß es Wahrscheinlichkeitsgleichungen sind, die heute das letjte 
Wort der Physik darstellen, Wahrscheinlichkeitsgleichungen, in die 
entscheidend wiederum die Konstante h, das Wii'kungsquantum, 
oder wenn wir jetjt wollen, die Unsicherheitskonstante eingeht, daß 
also die letjten Aussagen der Mikrophysik nicht Aussagen über 
Aktualitäten, sondern über Möglichkeiten sind. Als weiteren Hin¬ 
weis macht P. Jordan das Gesetj des radioaktiven Zerfalls geltend: 
Es zerfällt in einer bestimmten Zeit immer derselbe Bruchteil der 
vorhandenen Substanz, d. h. die Wahrscheinlichkeit des „Todes“ 
eines individuellen Atoms wird nicht größer durch seine Lebens¬ 
105
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.