Full text: Über die Freiheit

Über die Volkssouveränität und ihre Grenzen 
Wenn man den Grundsatz der Volkssouveränität 
anerkennt, das heisst die Oberherrschaft des allge¬ 
meinen Willens über jeden besonderen Willen, so 
muss man das Wesen dieses Grundsatzes recht ver¬ 
stehen und seine Grenzen genau festlegen. Ohne eine 
eindeutige Begriffsbestimmung, welche ich bis jetzt 
nirgends gefunden habe, könnte die Anwendung der 
vielgerühmten Theorie ein Unglück heraufbeschwö¬ 
ren. Diese blosse Anerkennung der Volkssouveränität 
vermehrt die Freiheiten der einzelnen Menschen nicht 
im geringsten, und wenn man dieser Souveränität 
eine Ausdehnung zuweist, die ihr nicht zukommt, 
so läuft die Freiheit Gefahr, trotz oder sogar gerade 
wiegen dieses Grundsatzes vernichtet zu werden. 
Die Vorsicht, die wir empfehlen und die wir 
walten lassen, ist um so unerlässlicher, als die Par¬ 
teimänner, so rein auch ihre Absichten sein mögen, 
cs immer verschmähen, die Souveränität einzuschrän¬ 
ken. Sie betrachten sich als ihre voraussichtlichen 
Erben und schonen ihr zukünftiges Eigentum, selbst 
wenn es sich noch in den Ffänden ihrer Feinde be¬ 
findet. Sie misstrauen dieser und jener Regierungs¬ 
art und dieser und jener Schicht von Regierenden; 
erlaubt man ihnen jedoch, die Amtsgewalt nach 
ihrem Gutdünken zu ordnen, und lässt man zu, dass 
sie sie an Bevollmächtigte ihrer Wahl übertragen, 
so werden sie sie nicht weit genug ausdehnen können.
	        

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