Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

1. Einleitung 
Die meisten illustrierten deutschsprachigen Handschriften entstanden im späten Mittelal¬ 
ter, denn „mehr als zwei Drittel der insgesamt etwa 3000 deutschsprachigen Handschrif¬ 
ten mit Illustrationen [...] stammen aus dem 15. Jahrhundert“.1 In diesem Jahrhundert 
war die Bebilderung volkssprachiger Codices und besonders auch der mündlich lang tra¬ 
dierten Sagenstoffe gebräuchlich geworden.“ Das 15. Jahrhundert „wird mehr und mehr 
das Zeitalter der Übersetzungen, Bearbeitungen, Adaptionen [...]“. In dieser Zeit sind 
immer häufiger bürgerliche Schreibstuben nachzuweisen, die diese seriell produzierten 
Bücher auf Vorrat herstellten, so etwa in Straßburg,11 Konstanz, Augsburg, in Hagenau die 
Werkstatt Diebolt Laubers und in Stuttgart die des Ludwig Henfflinf Auftraggeber und 
Besitzer solcher Handschriften gehörten nach wie vor dem Adel oder dem Patriziat an, 
jenen Ständen also, die das Geld für die teure Buchproduktion besaßen und zunehmend 
über den nötigen Bildungsstand verfügten, um diese Bücher lesen und verstehen zu kön¬ 
nen.6 Einige Handschriften des Spätmittelalters, vorwiegend im deutschen Sprachraum, 
sind durch die graphische Vervielfäldgungstechnik des Zeugdrucks, des Holzschnitts und 
Kupferstichs und des Buchdrucks geprägt. Als die Herstellungskosten erschwinglicher 
wurden, steigerte dies die Nachfrage nach Papierhandschriften, die nur teilweise oder 
schematisch illuminiert wurden. Im Gegensatz zu den Deckfarbenminiaturen flämischer 
und französischer Handschriften sind die Federzeichnungen der volks sprachigen deut¬ 
schen Texte meist mit Aquarell- oder Deckfarben koloriert.6 Die ungerahmten Feder¬ 
zeichnungen in brauner oder schwarzer Tinte sind meist flächig ausgemalt, ganzseitig oder 
in den Schriftspiegel integriert und ragen, nicht sorgfältig eingepasst, oftmals über diesen 
hinaus. Für das eindeutige Verstehen und die schnelle Orientierung innerhalb der Hand¬ 
schrift sind die erläuternden Tituli, die Bildbeischriften, maßgeblich. Ohne diese ist das 
Dargestellte häufig nicht zu entziffern, da die Bildmotive schablonenhaft repetiert wur¬ 
den. Dadurch, dass die Federzeichnungen mit weniger Aufwand produziert wurden, 
konnten viele Illustrationen in Auftrag geben werden und dadurch „auch in ein höheres 
Anspruchsniveau Vordringen [...]“.9 Die Vielzahl illustrierter Handschriften ging auf gra¬ 
phische Parallelentwicklungen ein und nahm sogar die des Holzschnitts vorweg: Auf Um¬ 
risslinien beschränkte und auf Schraffuren verzichtende Federzeichnungen, die aus- 
1 Ott 1995, S. 69. 
2 Ott 1992a, S. 188; Saurma-Jeltsch 1994a, S. 105; Schmitt 1999, S. 49. 
3 Kuhn 1980, S. 137. 
4 Erstmals bei KAUTZSCH, 1896, S. 287-293; später bei KOPPITZ 1980, S. 34 sowie SAURMA-JELTSCH 
1994a, S. 70-112 und grundlegend Saurma-Jeltsch 2001, S. 5-59. 
5 Stammler 1967, Sp. 813; Backes 1992, S. 60. 
6 OTT 1992b, S. 6 mit Anm. 9. 
7 Zur Wechselbeziehung zwischen Druck und Handschriftenillustration im Zeitalter des Medienumbruchs 
Vgl. Ott 2001, S. 21-29; Ott 1992b, S. 6 und Augustyn 2003, S. 5-47. 
8 Hierzu besonders SAURMA-JELTSCH 1983, S. 128—135 und AUGUSTYN 2003, S. 10. 
9 Saurma-Jeltsch 1987, S. 44. 
9
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.