Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

Weckholder erkennt Lewe trotz seiner Verkleidung. Sie und Clarissa verfolgen ihn bis 
zu seiner Herberge und sperren ihn unter einem Vorwand in eine Kammer ein. Clarissa 
lässt ein Bad für Lewe bereiten, massiert ihm den Körper mit Kräutern und verliebt sich 
augenblicklich in ihn. Inzwischen legen Florentine und Marie, allein in einer Kammer, 
Männerkleidung an und entfliehen unbemerkt (Bl. 133'—1361). 
(Bl. 125r/Abb. 47): Links steht ein breites Baldachinbett; das mit einem Vorhang und einem ge¬ 
schwungenem Fuß teil verwert ist. Rechts sitgt Lewe bis gum Oberkörper in einem großen Holgguher, 
dessen Wasseroberfläche sich kräuselt.408 409 Hinter ihm kniet Clarissa, die ihm Rücken und Kopf mit em¬ 
por geschobenen Hemdärmeln massiert. Die welligen Haare trägt sie, bis auf gwei kleine Haarknoten auf 
Schläfenhöhe, offen. Um den Badeguber liegen und stehen Toilettenartikel: Line Schüssel, ein Handtuch 
und ein versierter Krug mit Deckel. 
Der Bildausschnitt darunter geigt Llorentines und Maries Flucht aus dem Palast. Der Palasteingang 
und der mit einem Zinnenkrang umgebene Graben liegen links hinter den beiden Frauen, die bereits über 
die Hängebrücke gegangen sind. Hinter der Hängebrücke gehen die Frauen in eine hügelige Landschaft 
mit karger Vegetation. Allerdings können sie ihre Weiblichkeit nicht gänglich unter der Männerkleidung 
verbergen, so dass sie stets als Frauen gu identifigieren sind ff9 Florentine hakt ihren linken Arm bei 
Marie unter. Als Bewaffnung führen die beiden Frauen Stechstangen mit sich. 
Als Clarissa Lewe ihre Liebe gestanden hat, zeugen sie den unehelichen Sohn Gerhart. 
Weckholder, die an der Kammertür gelauscht und die Flucht von Florentine und Marie 
entdeckt hat, droht nun Clarissa, dem Herzog von Kalabrien eine Nachricht zu schicken 
(Bl. 136v~137v). 
(Bl. 135r/Abb. 48): Der Bildstreifen hat gwei Kompartimente: Links die Kammer von Clarissa und 
rechts steht Weckholder vor der Tür. Sie lauscht in Rückenansicht, die linke Hand an der Tür, mit der 
rechten ihren Rock haltend, ln der unmöblierten Kammer, die mit vier Rundbogenfenstem durchbrochen 
ist, hält Clarissa den Halsausschnitt des Obergewandes für Lewe parat, damit er den Rock übergiehen 
kann. 
Auf gwei Kissen gebettet, liegt Lewe auf Clarissa, die ihn mit beiden Händen umarmt und küsst. Bis 
gum Oberkörper sind sie mit einem gerwühlten Bettlaken gugedeckt. 
Die Raumaufteilung ist analog gu der im ersten Bildstreifen: Rechts ist der Gang und links die Kam¬ 
mer dargestellt. Weckholder, die rechte Hand in die Hüfte gestemmt, klopft mit geballter Faust an die 
Tür. Während Lewe noch im Bett liegend den linken Arm ausstreckt, sitgt Clarissa nackt auf der Bett¬ 
kante und gieht sich ein Gewand an. 
Aus Angst vor ihrem Bruder flieht Clarissa mit Lewe aus der Stadt Rige und erreicht 
mit ihm am Abend ein Schloss im Wald, das von Raubrittern bewohnt wird. Im Schloss 
steigen sie die Treppe zum Hauptsaal hinauf, an deren Geländer blutige Kettenhemden 
und Rüstungen hängen (Bl. 137'—1391). 
408 Zur Badekultur im Mittelalter siehe ZOEPFL 1937, Sp. 1372—1381, bes. 1374—1378; BAADER 1980, 
Sp. 1340h; JARITZ 1980, Sp. 1331-1333 und ROSENFELD 1978, S. 232. Auf Grund der Hygiene wurden 
häufig vor dem Beischlaf Bäder genommen, vgl. hierzu BARTZ/KARNEI 1994, S. 23. 
409 Zum Motiv von Frauen in Männerkleidung vgl. Kapitel 5.3., S. 122f. 
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