Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

Herpin zu einer Wallfahrt nach Bari ein. Herpin, Gadiffer und vier seiner Vettern brechen 
zu der Pilgerfahrt auf. ln der ersten Nacht stiehlt Gadiffer Herpins päpstlichen Ring; am 
nächsten Tag kommen sie in die Stadt Brandit, in der Gadiffer den Herzog an heidnische 
Kaufmannsleute veräußert. Zurück in Rom benachrichtigt Gadiffer den Papst über den 
angeblichen Tod Herpins, zur Bestätigung überreicht er ihm den Ring (Bl. 51— 531). 
(Bl. 47V/Abb. 18):Die erste Illustration stellt die Szene der Ringschenkung dar. Der Innenraum ist 
charakterisiert durch einen Boden mit quadratischen Fliesen und wird links durch drei eng stehende 
Rundbogenfenstergeöffnet. In der rechten Bildhälfte sitgt der Papst, gekleidet in eine Albe und ein Pluvia- 
le, bekrönt mit einer Tiaraf50 auf einem Thron mit hohem Baldachin. Links hinter dem Thron steht ein 
päpstlicher Diener, der in der linken Hand das Papstkreuff trägt. Schräg vor dem Papst kniet Herpin 
andächtig um den Ring des Papstes in Empfang gu nehmen. Hinter dem Herzog steht Gadiffer, der 
durch schulterlanges dünnes Haar, einen Kinnbart, einen knielangen Mantel mit weiten Ärmeln und ei¬ 
nen Hut mit breiter Krempe %u identifizieren ist. Die Gestalt Gadiffers ist vom Zeichner wesentlich klei¬ 
ner proportioniert worden als die restlichen Figuren im Bild. Dies resultiert aus den Fenstern, die möglich¬ 
erweise vor der Figur Gadiffers im Bild positioniert worden sind. 
Das rechte Bildviertel ist aus pwei Einzelszenen zusammengesetzt: Links schlafen in einem Bett Her¬ 
pin und ein Vetter Gadiffers, deren nackte Oberkörper bis zur Taille zu sehen sind. Vor dem Bett 
schleicht Gadiffer, wiedergegeben in seitlicher RJickenansicht, mit einigen Wertgegenständen aus dem 
Zimmer. In der rechten Bildhälfte reiten Herpin, Gadiffer und seine Vettern weiter. Durch den schmalen 
Ausschnitt sind einige der Figuren angeschnitten: Nur Herpin ist in der Bildmitte vollständig wiedergege¬ 
ben. Gadiffer beobachtet Herpin, der eine Gerte oder einen Pilgerstab haltend, in die Landschaft blickt. 
Als Hintergrundlandschaft zeichnete der Illustrator einen Hügel mit Felsen und knorrigem Baum. 
Der Verkauf Herpins an heidnische Kaufleute ist bereits abgeschlossen. Im Vordergrund sitzt der 
Herzog gefangen auf einem Schiff und verhandelt zwischen der Schiffsladung mit dem Kaufmann, der, wie 
manche zuvor gezeigten Heiden, lange Haare und einen Spitzbart trägt Am Heck steuert ein Matrose 
das Schiff auf das offene Meer. Am Ufer reiten Gadiffer, der jetzt die Gerte oder den Pilgerstab des Her¬ 
zogs in Händen hält, und dessen Vetter mit Herpins Pferd zurück. 
In Rom überreicht Gadiffer dem Papst den Rang Herpins als Beweis für dessen Tod. Die Szene spielt 
im selben Innenraum wie direkt im Bildviertel darüber. Deswegen kehrte der Miniator auch die Leserich¬ 
tung der Einzelbilder um, damit die beiden Innenraumszenen direkt untereinander liegen. Die Kompositi¬ 
on ist analog zur oberen Szene: Rechts thront der Papst im gleichen Ornat, die Tiara hingegen ist mit ei¬ 
nem Kreuz an der Spitze bekrönt f1 Hinter dem Thron steht sein Diener und links hinter Gadiffer steht 
350 Zwischen der Mitte des 13. und dem 14. Jahrhundert wird der Papstkrone ein zweiter Reif hinzugefügt. 
Der dritte Kronreif ist seit 1315/1316 in einem Inventar des päpstlichen Schatzes nachzuweisen. Die 
drei Reifen des Triregnums dokumentieren die päpstliche Autorität in ihren drei Gewalten. Vgl. hierzu 
KÜHNEL 1992, S. 264; TRAEGER 1990, Sp. 313-315, bes. Sp. 314; ENGELS 1997, Sp, 759; HÜLSKAMP 
32001, Sp. 20; LOSCHEK 52005, S. 481; SlRCH 1975, S. 171-187, hier S. 177 mit Abb. 115 und 116 sowie 
S. 187; Braun 1907, S. 498-508, bes. S. 504; Wörner 2010, S. 125; Wörterbuch der Kunst, S. 553. 
351 Das Papstkreuz setzt sich aus drei nach oben kürzer werdenden Querbalken zusammen, die für die drei 
päpstlichen Gewalten (Priester-, Hirten- und Lehrgewalt) stehen. Vgl. dazu Dinkler/DinkleR-VON 
Schubert 1990, Sp. 570; Forstner/Beckf.r 1991, S. 125; Wörterbuch der Kunst, S. 305f. 
352 Erst am Anfang des 15. Jahrhunderts erscheinen Triregna mit einem Kreuz an der Spitze, vgl. hierzu 
SlRCH 1975, S. 177 mit Abb. 115 und 188. 
67
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.