Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

4, Der Bilderzyklus 
Im Hinblick auf die komplexe Erzählung aus mehreren, parallel geführten Geschichten 
sind einige Anmerkungen zum Verwandtschaftsgeflecht zu machen:'11 Die Hauptperso¬ 
nen der Geschichte sind die Eltern Herzog Herpin und Herzogin Adelheid (1. Generati¬ 
on), Lewe und seine Frau Florentine (2. Generation) sowie ihre Söhne, Wilhelm und Öl¬ 
baum und deren Ehefrauen Graden und Fröhlich (3. Generation). Des Weiteren sind 
Lewes Ziehvater Balduin von Monclin und die Zieheltern Ölbaums, der Hirte Ely und 
seine Frau Beatrix, von Bedeutung. Auch Lewes Kontrahenten, der Herzog von Kalabri¬ 
en, der Fürst von Tarant und der Marschall von Florenz, spielen eine zentrale Rolle. Die 
vielen Personen, die in den Einzelepisoden auftreten, sind für den Gesamtzusammenhang 
der Erzählung ohne Relevanz. Um das verwirrende Personengeflecht einfacher zu gestal¬ 
ten, sind die illustrierten Abschnitte den jeweiligen Hauptpersonen zugeordnet: Herpin, 
Adelheid und Lewe von der Trennung bis zum Wiedersehen, wobei Lewes Lebensge¬ 
schichte das Kernstück des Romans bildet. Der letzte Textabschnitt behandelt die Macht¬ 
erhaltung durch Lewes Söhne Wilhelm und Ölbaum, zu dem die Miniaturen nicht mehr 
fertig gestellt wurden,344 345 Zugunsten der Anschaulichkeit dieser Gruppierung der Szenen 
wird die ursprüngliche, in der Handschrift gegebene Reihenfolge aufgegeben. 
4.1. Vorgeschichte 
Am Hofe Kaiser Karls des Großen in Paris346 finden sich zu Pfingsten seine Vasallen ein. 
Auf diesem Fest verleumdet Clarien von Anderlaub Herzog Herpin von Bourges. Kaiser 
Karl glaubt den verleumderischen Anklagen vorbehaltlos. Er willigt ein, den Herzog mit 
dem Tod zu bestrafen. Währenddessen erfahren Herzog Herpin und seine schwangere 
Frau Adelheid durch einen Schildknappen von der Intrige. Daraufhin tötet Herpin den 
Verleumder vor der Hofgesellschaft und löst damit einen Kampf zwischen den Anhä¬ 
ngern Clariens und seinen Verbündeten aus. Der erzürnte Kaiser lässt Herpin gefangen 
nehmen und befiehlt seinen Tod durch den Strick. Ottger von Dänemark, Nymo von 
Baiern und seine Ehefrau Adelheid bewirken, dass er nicht getötet wird. Zur Strafe wer¬ 
den Herpin und Adelheid aus Frankreich verbannt und verlieren ihr Herzogtum Bourges. 
Zum Abschied verkündet Herpin seinen Freunden, wie sie seinen Sohn erkennen werde: 
Das Horn von Bourges könne nur von einem wahren Erben gespielt werden (Bl. 2'—61). 
(Bl. Iv/Abb. 1): Der oberste Bildstreifen ist in %n>ei Bildräume eingeteilt. Auf der rechten Seite 
kommen Herpin, Adelheid und ihr Gefolge am Hofe Kaiser Karls an. Zur Wiedererkennung der Perso¬ 
nen tragen die Hauptakteure eine bestimmte Kleidung: Herpin trägt eine gestreifte Haube, die seine Haa¬ 
re komplett bedeckt, und einen Mantel mit breitem Kragen. Im Vordergrund sitf er auf seinem Pferd vor 
dem Palast und beugt sich %u dem Schildknappen herunter, der ihm von der Intrige berichtet. Die nach¬ 
folgenden Ankömmlinge sind vom Bildrand angeschnitten gezeichnet. Den Übergang der beiden gezeigten 
344 Zur Handlungsstruktur vgl. besonders THOMAS 1971, S. 96—151 und S. 252—274. 
345 Berlin, Ms. germ. fol. 464, Bl. 314r-447r und Kapitel 9 sowie Anhang II. Im weiteren Verlauf werden 
nach den knappen Inhaltsresiimees die dazugehörigen Textpassagen in Blattzählung angegeben. 
346 Zum Hoftag an exponierter Stelle in der Erzählung vgl. GAEBEL 2002, S. 174—177. 
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