Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

2. Gräfin Elisabeth von Nassau-Saarbrücken und die Chansons-de-geste 
Die Gräfin Elisabeth von Nassau-Saarbrücken wurde als Tochter des Grafen Friedrich 
von Lothringen-Vaudemont (f 1415) und Margaretes von Joinville (f 1416) geboren.1" 
Ihr Vater Friedrich, der jüngere Sohn Herzog Johanns I. von Lothringen, erbte unter an¬ 
derem 1390 die im Nordwesten Frankreichs gelegenen Besitztümer des Hauses,1"" unter 
anderem in der Picardie und im Hennegau. Somit lagen sie in den für die späten Chan- 
sons-de-geste-Dichtungen wichtigen Gebieten.1"" Für Elisabeths Geburtsjahr lässt sich 
ausschließlich ein terminus post quem aus der Hochzeit ihrer Eltern, die zwischen dem 
4. Juni und dem 19. Juli 1393 stattfand,11" bestimmen. Somit kann sie frühestens im Früh¬ 
jahr des darauf folgenden Jahres geboren worden sein.107 111 Ebenso unsicher ist ihr Ge¬ 
burtsort, der in Vezelise in Südlothringen oder in Joinville an der oberen Marne gelegen 
haben könnte.112 113 Wenig bekannt ist über ihre Kindheit und Jugend, doch könnte das lite¬ 
rarische Interesse ihrer Mutter sie geprägt haben. Nach einer späteren Notiz übertrug 
Margarete 1405 angeblich den Versroman ,Loher und Malleri aus dem Lateinischen ins 
Französische. Dieser könnte ihrer Tochter als Vorlage für eine Übersetzung desselben 
Romans in frühneuhochdeutsche Prosa gedient haben.11’ Wahrscheinlich ist, dass Elisa¬ 
beth als Angehörige des Hauses Lothringen Kenntnisse der deutschen Sprache besaß, 
107 STEINHOFF 21980b, Sp. 482; ZAENKER 2004a, S. 301; LexMA III, Sp. 1836: Hier führt der Vater Elisa¬ 
beths fälschlich den Herzogstitel, der ihm in der deutschen Literatur auch sonst gelegentlich beigegeben 
wird: HERRMANN 2002, S. 51; MÜLLER 1990, S. 1097; zu seinem politischen und privaten Leben siehe 
POULL 1991, S. 179-181. 
108 MÜLLER 1990, S. 1097; LlEPE 1920, S. 4f. Zur politischen und kulturellen Geschichte Lothringens vgl. 
Parisse/Herrmann 1984. 
109 Vgi LlEPE 1920, S. 4f. Auch Elisabeths französische Vorlage für den ,Herpin1 ist in der Picardie gegen 
Ende des 14. Jahrhunderts entstanden (vgl. Kapitel 3., S. 43, bes. Anm. 282) Den gleichen Entstehungs¬ 
ort weist Ulrich Molk für das einzige erhaltene Fragment des französischen ,Lohier et Malart1 nach, das 
mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Teil der Vorlage Elisabeths war (MÖLK 1988, S. 148). Sogar der ,Huge 
Capet1 ist im picardischen Dialekt abgefasst (GäEBEL 2002, S. 27, Anm. 69). 
110 Volkelt 1956/57, S. 38. 
111 HERRMANN 2002, S. 52; von einem Datum nach 1393 geht auch GRAMER 32000, S. 70 aus; vgl. MÜLLER 
1990, S. 1097; MÜLLER 1993, S. 19; Volkelt 1956/57, S. 38; LexMA III, Sp. 1836T; KOHLMEIER 
2000, S. 91; KlLLY III, S. 235; STEINHOFF 21980B, Sp. 482; LlEBERTZ-GRÜN 1988, S. 54. Von einem 
Geburtsjahr in der zweiten Hälfte der 1490er Jahre gehen LlEPE 1920, S. 6; HAUBRICHS 1991, S. 4 und 
SAUDER 1982, S. 35 aus. 
112 Herrmann 2002, S. 52. 
113 HERRMANN 2002, S. 53 und 112f,; in der Subscriptio der Loher und Malier-Handschrift wird Elisabeths 
Mutter als Übersetzerin genannt: „Dis buch tet schreiben in welscher sprach ein edele wol geborne 
frowe, die was genant frowe Margrette greffynne zu Wyedemont und frowe zu Genville. hertzog Fry- 
derichs von Lottringen grafen zu Wiedemont husfrowe, in den jaren unsers herren tusent vierhundert 
und fünff jare (...).“ Die Formulierung „tet schreiben“ ließe sich auch im Sinne von „gab den Auftrag“ 
interpretieren. Vgl. VON BLOH 1995, S. 16f.; LlEPE 1920, S. 8, 100 und 170; EHRISMANN 1922, S. 511; 
BEYSCHLAG 1952, S. 262; BARTSCH 1877, S. 18; KOHLMEIER 2000, S. 86; VOLKELT 1956/57, S. 39; 
Ruppersberg 1899, S. 208; Sauder 1982, S. 37; Steinhoff 21980b, Sp. 483; Liebertz-Grün 1988, 
S. 55; WOLF 2000, S. 8; ein Fragment im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden stammte wohl aus dem Besitz 
Margarethes von Vaudemont, vgl. MÖLK 1988, S. 135—164; VON BLOH/GÄRTNER/HEINTZE 2002, 
S. 427-457. 
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