Full text : Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

1.2. Die  historische  Person  des  Eudes  Herpin
Die  Vita  des  Vizegrafen  Eudes  Herpin  de  Bourges,  häufig  auch  Harpin  oder  Arpin  genannt,
  liegt  der  Chanson-de-geste  ,Lion  de  Bourges'  und  damit  auch  dem  Prosaroman
Elisabeths,  versetzt  in  das  Heldenzeitalter  Karls  des  Großen,  in  legendenhafter  Umformung
  zu  Grunde.  Dieser  heiratete  um  1092  Mathilde,  die  älteste  Tochter  von  Gilles  I.  de
Sully,  die  von  ihrem  Onkel  Etienne  de  Bourges  die  Grafschaft  als  Erbe  erhielt.1'1  Eudes
wurde  damit  nach  dem  Recht  seiner  Frau  Vizegraf  von  Bourges.  Er  schloss  sich  dem  Gefolge
  Herzog  Wilhelms  IX.  von  Aquitanien  an,  das  zum  so  genannten  Kreuzzug  von  1101
aufbrach.  Um  sich  die  kostspielige  Pilgerfahrt  leisten  zu  können,  verpfändete  Eudes  1098
seine  Grafschaft  für  60.000  Sous  an  den  französischen  König  Philipp  I.10-  Im  Heiligen
Land  geriet  er  bei  der  Schlacht  von  Ramallah  in  Gefangenschaft  der  Sarazenen.  Nach  seiner
  Freilassung  kehrte  er  nach  Frankreich  zurück  und  trat  als  Mönch  dem  Kloster  Cluny
bei,  in  dem  er  um  1109  starb.1"’  Danach  wurde  Bourges  in  die  Herrschaftsgebiete  des  Königs
  eingegliedert.  Um  seine  Person  entstand  unter  den  Einwohnern  von  Bourges  eine
Geschichte,  in  der  sein  Sohn  Lion  die  verpfändete  Grafschaft  zurückerlangt,  indem  er  das
Horn,  das  nur  der  wahre  Erbe  blasen  kann,  zum  Klingen  bringt.1"4
Den  historischen  Kern  der  Chanson-de-geste  bildet  —  kaum  noch  erkennbar  —  das  Leben
  dieses  Vicomte  von  Bourges  Ende  des  11.  Jahrhunderts,  das  in  die  Heroenzeit  verlegt
wurde.11"’  Die  Sage  um  Lion  de  Bourges  basiert  also  auf  einem  Kreuzzug  in  das  Heilige
Land.  Zwar  verliert  der  literarische  Herpin  ebenfalls  sein  Fürstentum  (Herzogtum),  aber
nicht  aus  materiellen  Gründen,  sondern  vielmehr  aus  machtpolitischen.  In  der  literarischen
  Bearbeitung  lassen  sich  einige  Parallelen  zu  dem  Leben  des  Vizegrafen  von  Bourges,
  Eudes  Herpin,  ziehen,  doch  ist  die  Vita  der  historischen  Person  im  literarischen
,Herpin4  intensiv  überlagert  von  dessen  verschiedenen  Abenteuerfahrten.1"6

101  Müller  1905,  S.  1.
102  Wilhelmi  1894,  S.  6f.;  VON  Bloh  2002a,  S.  104;  Liepe  1920,  S.  106;  SUCHIER  1884,  S.  LXXXI.
103  Müller  1905,  S.  1;  VON  BLOH  2002a,  S.  104;  SUCHIER  1884,  S.  LXXXI.
104  So  SUCHIER  1884,  S.  LXXXI:  „Un  des  derniers  événements  qui  ont  fait  naître  des  chansons  de  geste  est
la  réunion  de  la  vicomté  de  Bourges  à  la  couronne  de  France.  Ce  fut  en  1098  qu’Eudes  Harpin,  vicomte
de  Bourges  par  son  mariage  avec  Mahaut,  nièce  et  héritière  du  vicomte  Etienne,  au  moment  de  partir
pour  la  Terre-Sainte,  vendit  sa  vicomté  à  Philippe  I.  Harpin  mourut,  après  1109,  dans  l’abbaye  de  Cluni.
Les  Barrichons,  qui  voyaient  expirer  avec  regret  leur  autonomie  féodale,  formèrent  une  tradition,  selon
laquelle  leur  dernier  maître,  Harpin,  qui  se  fit  moine  à  son  retour  de  la  croisade,  aurait  eu  un  fils,  Lion;  ce
fils  devait  venir  un  jour  réclamer  son  héritage,  et  il  prouverait  qu’il  était  le  vrai  héritier  du  fief  en  sonnant
le  cor  merveilleux  que  l’on  voyait  figuré  sur  l’un  des  murs  du  palais  de  Bourges.“  Ein  Horn  kommt  auch
in  der  Rolandslegende  (,Chanson  de  Roland^)  vor,  dort  erhält  es  Roland  von  einem  Engel.
105  MÜLLER  1990,  S.  1100.  BASTERT  2014,  S.  XVI  Anm.  24  weist  darauf  hin,  dass  der  Prosaroman  selbst
gegen  Ende  (S.  772,  Z.  24)  diesen  Herpin  als  Urenkel  Lewes  und  als  Kreuzzugsteilnehmer  erwähnt,  und
damit  das  Geschehen  weiter  zu  historisieren  sucht.
106  Liepe  1920,  S.  106.

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