Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

schehen. Ein weiterer Gaffer erklettert den Stamm als angeschnittene Rückenfigur, wäh¬ 
rend unten am Stamm ein weiterer Zuschauer wartet, um hinaufzuklettern. Hinter diesem 
schnuppert ein Hund an einigen herumliegenden Knochen.1’1“ Unter dem Baum schreibt 
ein Mann sitzend auf eine Schriftrolle die Buchstaben IN RI und neben ihm hält ein in 
zerlumpten Kleidern gehüllter Mann auf am Boden kauernd das Tintenfass in der rechten 
Hand. Ein barfüßiger Mann mit Stab schaut dem Schreiber über die Schulter, wohl der 
sich über die Inschrift beschwerende Pharisäer/’"' In Verlängerung hinter dem Schreiber 
rastet Christus vor seiner Annagelung auf dem Kreuz. Ein in Rückenansicht gezeigter 
Scherge bohrt das Loch für die Fußstütze, indem er mit einem Bein auf den Kreuzbalken 
tritt. Neben und hinter Christus drängen die Schaulustigen zu Fuß und zu Pferd auf den 
Richtplatz; einige in der vorderen Reihe stützen ein Bein auf den Kreuzbalken auf. Rechts 
hebt ein weiterer Scherge mit einer Hacke die Grube aus, in der der Kreuzstamm aufge¬ 
richtet werden soll. Im Vordergrund liegen die beiden Kreuze für die grobschlächtigen 
Schächer, die rechts gefesselt auf einer Bodenerhebung sitzen. Hinter ihnen steht ein 
Korb mit Werkzeugen. Ein Scherge beugt sich im Gespräch zu den Schächern hinunter, 
deren Fessel er in der linken Hand hält. Hinter dieser Gruppe stehen zwei en face darge¬ 
stellte Bewaffnete in orientalisierender Kleidung. Rechts reitet der Hauptmann, der eine 
turbanartige Kopfbedeckung trägt, mit einer Gerte in der rechten und den Zügeln in der 
linken Hand, frontal in das Getümmel. Links neben den beiden Schächern debattieren 
zwei Gelehrte über das Geschehen. Die parallel angeordneten Kreuze der Schächer und 
Christi definieren den Handlungsraum klar in Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Durch 
verschiedene Gruppen und einzelne, szenische Handlungen sind der Vorder- sowie Mit¬ 
telgrund geprägt; den Hintergrund bildet eine sanfte, dicht bewachsene Hügellandschaft 
mit einer am Meer liegenden Stadt. Von rechts ziehen am Himmel dunkle Wolken heran, 
die die nahende Sonnenfinsternis während der Kreuzigung andeuten/’1" Die Reiter auf der 
Zeichnung suggerieren Bewegung, indem der Zeichner sie teils von hinten nach vorne, 
teils von der Seite in das Geschehen hineinreitend wiedergab. Die lokalen Traditionen des 
volkreichen Kalvarienbergs und einige Motive deuten auf eine Herkunft des Künstlers aus 
Franken hin, so das t-förmige Kreuz/'1“ 
Einige Motive kehren in der Berliner Handschrift sowie auf der Erlanger Mitteltafel mit 
dem Kalvarienberg wieder: Beispielsweise die in einen Kapuzenmantel gewickelte männli¬ 
che Gestalt. Auf der New Yorker Zeichnung sind zwei Gestalten in einem Kapuzenman¬ 
tel gezeichnet: Mittig im Vordergrund debattiert einer der beiden vor den Schächerkreu- 
602 Ikonographisch verbildlicht der Hund in Bezug auf die Kreuzigung Christi häufig die neidischen Juden 
und somit den Tod (GERHARDT 1991, S. 36, 52—54, 56—58, 68—70 und den Anhang mit einer Auswahl 
von Passionsdarsteilungen, die einen Hund abbilden). Doch ist aus der Zeichnung diese Deutung des 
Hundes nicht zweifelsfrei herauszulesen. Auf den für fränkische Kalvarienberg-Szenen häufig dargestell¬ 
ten Hund verweist Robert Suckale, dessen Motivvorlage auf Martin Schongauer zurückgeht (SUCKALE 
2009, S. 91-96). 
603 Joh. 19,21. 
604 Die Verdunkelung des Himmels dauert drei Stunden: Mk. 15,33; Lk. 23,44 und Mt. 27,45. 
605 „Dass das Kreuz t-förmig zu sein habe und dass Pilatus die anderthalb Fuß breite Tafel mit dem Titulus 
mitten auf das Kreuz setzen ließ, konnte man bei Ludolf von Sachsen nachlesen; das war deshalb in 
Franken früh zur ikonographischen Norm geworden“ (SUCKALE 2009, S. 52f.). 
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