Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

In allen drei deutschsprachigen Handschriften wurden insgesamt zwölf Bildthemen il¬ 
lustriert, die die wichtigen Erzählmomente im Verlauf der Geschichte veranschaulichen.341 
Der Vergleich der Bildprogramme lässt deutlich erkennen, dass die Heidelberger und die 
Berliner Illustrationen auf die Hauptpersonen konzentriert sind und ihnen so viel Raum 
gegeben wurde, wie für ihre Handlung und die Charakterisierung der Umgebung benötigt 
wurde. 42 Auf den Darstellungen finden sich keine Details, die nicht unmittelbar der Szene 
angehören. In beiden Codices wurden häufig Erzählmomente auf mehreren aufeinander 
folgenden Illustrationen verbildlicht. In den Heidelberger Miniaturen wurden der Werk¬ 
statt bekannte Motivmuster verschieden kombiniert und variiert. Einige Szenen — wie die 
Geburt oder die Schlachten — erinnern in ihrer Ikonographie an sakrale Darstellungen.543 
Sowohl die Heidelberger als auch die Berliner Handschrift wurden mit einem wesent¬ 
lich dichteren Bildprogramm illustriert als die Wolfenbütteler, in der ausschließlich die 
Schlüsselszenen der Erzählung wiedergegeben wurden. Der Konzeptor konzentrierte die 
BebÜderung auf die wesentlichen Handlungsaspekte der Erzählung,344 die nach 42 Folia 
abbricht.343 Beim Wolfenbütteler Codex kommt noch hinzu, dass die Bilder separat zum 
Text entstanden und anschließend in die dafür frei gelassenen Felder zwischen den Zeilen 
eingeklebt wurden.345 Für eine Einbindung in den Textverlauf wurden sie mit einem gel¬ 
ben Rahmen versehen. Die BÜder des weniger ausführlichen Programms wurden so zwi¬ 
schen die Zeilen platziert, dass sie, wie in der Heidelberger Version, den zu illustrierenden 
Textstellen voran stehen.34 Die Konzeption der Bilder in der Wolfenbüttler Handschrift 
unterscheidet sich von den Illustrationen der Berliner und Heidelberger Zyklen: Die Fe¬ 
derzeichnungen prägt eine großzügige Schilderung der Umgebung, in der eine Szene sich 
abspielt, ohne dabei eine erzählerische Rolle einzunehmen.34s In diese fügte der Zeichner 
winzige Figuren und mehrszenige Darstellungen ein. Die Hauptszenen verlieren sich bei¬ 
nahe in den ausgedehnten Landschaftsdarstellungen mit zahlreichen kleinen Nebensze¬ 
nen.344 Wenn in den Miniaturen Zeitabfolgen dargestellt werden sollten, verteilte der Ma¬ 
ler einzelne Szenen, die nacheinander folgen, entweder auf mehrere Bilder oder er kombi¬ 
nierte simultan stattfindende Darstellungen auf einem Bildfeld. Das Interesse des Minia¬ 
tors galt im Wolfenbütteler ,Herpin‘ den Schilderungen von Landschaft und Architektur¬ 
kulisse.331 Die Illustratoren der Berliner und der Heidelberger Flandschrift stellten einzelne 
Erzählmomente in ausführlichen Bildfolgen mit ähnlichen Motiven dar.331 In beiden 
541 Vgl. hierzu die Synopse in Anhang I. 
542 WOLF 2000, S. 22. 
543 Stork 2002, S. 605. 
544 Wolf 2000, S. 23 
545 Zur Rekonstruktion der verschollenen Blätter und der Freilassungen siehe WOLF 2000, S. 50—55. Von 
den insgesamt 189 bebilderten Szenen der Berliner Handschrift stimmen 22 Bildmotive mit der aus 
Wolfenbüttel überein, vgl. hierzu Anhang I: Vergleich der Bildprogramme. 
546 Stork 2002, S. 604. 
547 WOLF 2002, S. 613 (mit Abbildungen der Heidelberger und Wolfenbütteler Handschrift). 
548 Wolf 2002, S. 614. 
549 Wolf 2002, S. 613. 
550 Wolf 2002, S. 616. 
551 Wolf 2000, S. 22. 
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