Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

ment nicht erduldet, sondern liegt in der Initiative des Helden selbst, von erotischen Inte¬ 
ressen geleitet, das Geschlecht wechselt und somit eine vorübergehende Verwirrung der 
heterosexuellen Ordnung des Begehrens auslöst.“'3" Die ,Verwirrung der heterosexuellen 
Ordnung' ist an der Episode von Herpins Ehefrau, Adelheid, nachzuvollziehen, denn die 
Königstochter Florie ist durch deren Rollenwechsel dermaßen getäuscht, dass sie sich ver¬ 
liebt.'11 Als Mann verkleidet, trägt die Herzogin die zeitgemäße Herrenbekleidung: Einfar¬ 
bige Beinlinge, ein tailliertes, kurzes Wams mit faltenreichen Ärmeln und eine pelzver¬ 
brämte Kappe mit drei Hutfedern, die nach hinten weisen. Das unnachgiebige Begehren 
Flories kann Adelheid nur durch Entkleidung und der damit verbundenen Rolle als Frau 
abwehren. In dieser Episode wird deutlich, dass der Wandel von der Frau zum Mann häu¬ 
fig mit dem Zuwachs an Handlungsfreiraum und dem sexuellen Begehren, und, nicht wie 
bei der Verwandlung vom Mann zur Frau, mit machtpolitischen Interessen verbunden 
ist."2 Auch Florentine verkleidet sich als Mann, um aus ihrer Gefangenschaft zu fliehen.'33 
Sie trägt ebenfalls die übliche Herrenkleidung; die Haare versucht sie unter einer einfa¬ 
chen Haube zu verbergen, jedoch scheint die Kontur der Hochsteckfrisur durch. Desglei¬ 
chen kann sie die Attribute ihrer Weiblichkeit nicht gänzlich unter der Männerkleidung 
verbergen, sodass sie in den Zeichnungen, nicht aber im Text, stets als Frau zu identifizie¬ 
ren ist.534 Der Wechsel zu ihrem eigentlichen Geschlecht findet erst hinter den schützen¬ 
den Mauern des Klosters statt. Hier ändert sie allerdings ihre soziale Identität, indem sie 
die Nonnentracht anlegt. 
530 KRASS 2006, S. 25f. 
531 Vgl. Berlin, Ms. germ. fol. 464, Bl. 13r—14r, 26r—33r und 37v—42v. 
532 KRASS 2006, S. 280. 
533 yg| Berlin, Ms. germ. fol. 464, Bl. 133v— 136r, 141r und 143r—146r. 
534 von Bloh 2002, S. 506 und Wegener 1928, S. 114. 
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