Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

zeichnet (Abb. 32).'404 An der zerschlissenen Kleidung des Hirten ist dessen niedrige sozia¬ 
le Stellung abzulesen. Er trägt einen knielangen Rock, der an den Ärmeln und am Saum 
ausgefranst ist. Der hüfdange Umhang darüber weist keine Verschleißerscheinungen auf, 
wohl aber der Hut, der ein Loch auf der Oberseite zeigt, und der Schuh, an dessen Spitze 
die Zehen zum Vorschein kommen. An den Waden schützen ihn Gamaschen, die am 
Knöchel und unterhalb des Knies gebunden werden, um das Verrutschen zu verhindern 
(Abb. 85),46:1 Ab den 30er bis in die 80er Jahre des 15. Jahrhunderts verkürzen und veren¬ 
gen sich die GewTandformen,4(" Die Rocklänge beispielsweise ist bis zum Schritt minimiert 
und der teüweise geschlitzte Schoß an den kurzen, stark tailliert und ungegürteten Ober¬ 
teilen bedeckt das halbe Gesäß.46 Diese modische Erscheinungsform des Wamses tragen 
in der Herpin-Handschrift ausschließlich die jungen Männer. Ab 1460 ist das unter dem 
Wams getragene Hemd durch die breiten Ausschnitte sichtbar, die meist mit Schnürung 
zusammengehalten werden. Durch den Wegfall eines Kragens erscheinen die Schultern 
bis zu den Achseln unbedeckt.466 Lediglich an den Achseln wurden die eng anliegenden 
Ärmel der Wämser und Schecken gebauscht464 und in den 1480er Jahren enden sie trich¬ 
terförmig.4 0 Entsprechend wurden auch die Ärmel der Frauengewandung verändert.4 1 
Die gebräuchlichsten Schuhe dieser Zeit waren Laufsohlen an den Beinlingen, Schlupf¬ 
schuhe, die bis zu den Knöcheln reichten, und der Schnabelschuh.4 2 Die Umsetzung der 
modischen Neuerungen in der Handschrift zeigen deutlich, dass die handelnden Personen 
in zeitgenössischen Kostümen wiedergegeben sind. Der Illustrator griff nicht auf ältere 
Kostüme zurück, um der Geschichte Historizität zu verleihen, sondern stellte die Figuren 
464 Vgl. KüHNEL 1992, S. 176; OSTENECK 1990a, Sp. 314-318, bes. Sp. 315; BOEHN 1925, S. 214; Mezger 
1981, S. 18f., S. 11—14 (zum Ursprung) und S. 24—34 (zur Bedeutung im Spätmittelalter); STEINMANN 
1938, S. 847; Praschl-Bichler 2011, S. 96f. 
465 Zur Kleidung der einfachen Leute vgl. KOCH-MERTENS 2000, S. 156f. 
466 POST 1928, Taf. 106 g1; BOEHN 1925, S. 217; Ronsdorf 1933, S. 20; NienholDT 1938, S. 63f.; 
Bönsch 2001, S. 101 f.; Rosenfeld 1978, S. 141; Vavra 1991, Sp. 1200 und Lehnart 2005, S. 14 und 
18. 
467 Posx 1928, Taf. 106 g1 mit Abb. 3 und 4; LOSCHEK 520 05, S. 30, 223 und S. 422; KANIA 2010, S. 148; 
Nienholdt 1938, S. 64; Bönsch 2001, S. 103; Koch-Mertens 2000, S. 158 und 160; Zander- 
Seidel 1990, S. 195; Rosenfeld 1978, S. 139f.; Pietsch 2010, S. 174; von Wilckens 1988, S. 55; 
Hundsbichler 31986, S. 236f. 
468 Post 1928, Taf. 106 g1 mit Abb. 4; NIENHOLDT 1938, S. 64; FRIELING 2005, S. 324. 
469 Vgl. Nienholdt 1938, S. 64; Frieling 2005, S. 324 und Lehnart 2005, S. 18-21. Teilweise scheint 
die Ärmelform schon Formen der Renaissance vorwegzunehmen: Auf Abbildung 33 gliedern Quer- und 
Längsriegel, unter denen das Hemd hervorquillt, den gesamten Arm: Vgl. dazu POST 1928, Taf. 106 g1 
mit Abb. 14. 
470 Vorwiegend in den 1460er bis 1480er Jahre, vgl. POST 1928, Taf. 106 g1; KOCH-MERTENS 2000, S. 161; 
Rosenfeld 1978, S. 142; 
471 POST 1928, Taf. 106 h1 mit Abb. 11 und 13; LOSCHEK 52005, S. 93-99, bes. S. 95; NIENHOLDT 1938, 
S. 68; Koch-Mf.rtens 2000, S. 161. 
472 Zu den verschiedenen Schuhformen vgl. BOEHN 1925, S. 214—216; LOSCHEK 52005, S. 197—208, bes. 
199£; Kania 2010, S. 175; Thiel 1960, S. 112; Nienholdt 1938, S. 66; BÖNSCH 2001, S. 105; KOCH- 
MERTENS 2000, S. 169; KÜHNEL 1992, S. 81 (Fußbekleidung) und S. 229f. (Schnabelschuh); 
Ausst.Kat. Schuhe, S. 16-19; Hundsbichler 31986, S. 233 und 239 mit Abb. 294; Praschl- 
Bichler 2011, S. 165-173 und Lehnart 2005, S. 33. 
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