Full text : Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

5. Kostümkundliche  Aspekte

In  der  Berliner  Herpin-Handschrift  sind  Kleidung  und  Haartracht  nicht  nur  ein  Medium
zur  Darstellung  gesellschaftlicher  und  sozialer  Unterschiede,46"  sondern  sie  dienen  auch
zur  Differenzierung  von  Personen,  die  in  den  Abbildungen  mehrmals  dargestellt  wurden.
Erkennbar  sind  die  einzelnen  Handlungsträger  besonders  durch  eine  spezifische,  selten
abweichende  Bekleidung.  Bei  der  Garderobe  einzelner  Personen  ist  ausschließlich  zwischen
  der  höfischen  Bekleidung  und  der  Rüstung  für  Turnier  oder  Kampf  beziehungsweise
  zwischen  der  weiblichen  und  der  männlichen  Kleidung  differenziert.
5.1. Höfische  Kleidung
Zur  Männerbekleidung  in  der  Handschrift  ist  grundsätzlich  festzuhalten,  dass  die  Grundelemente
  sich  nur  marginal  voneinander  unterscheiden:  Der  Großteil  trägt  das  taillierte
Wams  mit  gepufften  Schultern  oder  Beutelärmeln,  die  teilweise  geschlitzt  sind,461  mit
Stehkragen  oder  breitem  Kragen,  der  bis  auf  die  Schultern  reichen  kann,  und  mit  einem
tiefen  Ausschnitt,  dessen  Schnürung  besonders  in  Deutschland  das  Hemd  darunter  zum
Vorschein  brachte.46-  Teils  sind  Könige  und  sozial  höher  stehende  sowie  ältere  Herren  mit
knie-  oder  bodenlangen  Mänteln  bekleidet,  die  um  die  Hüfte  manchmal  gegürtet  sind.  Als
Kopfbedeckungen  tragen  die  Männer  bevorzugt  Hüte  und  Kappen:  Runde  Kappen,
breitkrempige  Hüte  oder  Spitzhüte,  die  alle  mit  Federschmuck  verziert  sein  können.  Der
Schapel  mit  einer  oder  mehreren  Federn  ist  allerdings  den  jungen  Männern  Vorbehalten,
die  den  Reif  meist  auf  ihrem  schulterlangen,  lockigen  Haar  tragen.  Die  eng  anliegenden
Beinlinge  wurden  altersunabhängig  angezogen.  Eine  Ausnahme  bildet  die  Pilger,  Narren
und  Hirten  charakterisierende  Kleidung.  So  tragen  Pilger  den  kennzeichnenden  Hut  mit
hoch  aufgeschlagener  Krempe,  an  der  ein  Pilgerzeichen  angebracht  ist,  eine  Gugel,  einen
halblangen  Pilgermantel  und  einen  Pilgerstab  mit  rundem  Knauf  (Abb.  45f.).463  Narren
sind  besonders  durch  die  Attribute  der  Schellengugel  mit  Eselsohren  sowie  der  Schellen
auf  der  gezaddelten  Kleidung  und  der  Keule  als  Zeichen  der  Selbstverliebtheit  gekenn-460

  Vgl.  hierzu  auch  Franke  2010,  S.  49f.  und  58f.;  ZlTZLSPERGER  2010,  S.  7f.;  ZlTZLSPERGER  2006,
S.  37f.;  Kania  2010,  S.  133;  Tewes  2009,  S.  33;  Zander-Seidel  1993,  S.  176-188;  Zander-Seidel
1988,  S.  59;  HUNDSBICHLER  31986,  S.  232  und  248-253;  JARITZ  1993,  S.  8-31;  Frieling  2005,  S.  324;
VAVRA  1980,  S.  217;  Vavra  1991,  Sp.  1198;  RAUDSZUS  1985,  S.  183f.;  Bulst,  1993,  S.  32-46;  SiMON-MuSCHEID
  2010,  S.  91—115  (mit  Literatur  zu  den  Kleiderordnungen  des  14.  und  15.  Jahrhunderts).
461  Die  Schlitze  der  Ärmel  befanden  sich  zuerst  an  den  Oberarmen,  ab  der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  verliefen
  sie  vom  Ellbogen  bis  zur  Fland  und  waren  meist  verschnürt:  BOEHN  1925,  S.  227f.;  LüSCHEK
52005,  S.  422  und  436;  THIEL  1960,  S.  110;  NlENHOLDT  1938,  S.  65;  KOCH-MERTENS  2000,  S.  161;
HUNDSBICHLER  31986,  S.  243;  KÜHNEL  1992,  S.  14f.;  PiPONNlER/MANE  1995,  S.  82.
462  Zum  Wams  allgemein  LOSCHEN  52005,  S.  498—500,  hier  bes.  S.  498;  ZANDER-SEIDEL  1990,  S.  195—200,
bes.  S.  195;  Rosenfeld  1978,  S.  141;  KÜHNEL  1992,  S.  278f.;  Steinmann  1938,  S.  840;  POST  1954,
S.  24;  Praschl-Bichler  2011,  S.  100  und  Lehn  ART  2005,  S.  17-22.
463  Zur  Pilgerkleidung  siehe  KÜHNEL  1992,  S.  196-198;  BRÜCKNER  1990,  Sp.  440f.;  Liebl  1993,  Sp.  2150f.,
bes.  Sp.  151;  KANIA  2010,  S.  117;  HUNDSBICHLER  31986,  S.  238f.;  HOFMANN-REINDTEL  1993,  S.  214—
224.

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