Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

Die Höchstmarke an Neugründungen wurde 1898 mit 25 erreicht, 1903 und 1904 waren 
es jeweils 22. 1897 wurden der Chronik zufolge 21 Vereine gegründet. Viele der Verei¬ 
ne dürften von überschaubarem Umfang und geringer Lebensdauer gewesen sein, aber 
die Quantität sowie das breite Spektrum an Vereinsinhalten zeugen von einem vitalen 
Stadtleben. Außerdem gab es mit Sicherheit eine nicht unbeträchtliche Dunkelziffer, 
sodass die Zahl der tatsächlichen Gründungen noch höher gewesen sein dürfte. Neben 
Geselligkeitsvereinen und kulturellen Vereinigungen im weiteren Sinne - darunter zahl¬ 
reiche Musik- und Gesangsvereine - existierten etliche Krieger-, Schützen- und Sport¬ 
vereine sowie konfessionelle und berufsständische Vereinigungen verschiedenster Cou¬ 
leur.278 Die Familie Stumm dürfte einen erheblichen Teil zur Blüte des Vereinswesens 
beigetragen haben, sah doch gerade Karl Ferdinand Stumm in der Vereinstätigkeit ein 
geeignetes Mittel, die Arbeiterschaft von renitentem oder aus großbürgerlicher Perspek¬ 
tive ,unsittlichem“ Lebenswandel abzuhalten.2 9 Überdies entfaltete Neunkirchen im In¬ 
dustrialisierungszeitalter eine „ungewöhnlich hohe Kneipendichte“. Manche Gaststät¬ 
te rekrutierte ihr Publikum vornehmlich aus der Hüttenarbeiterschaff, so die Kneipe 
„Kleinnickel“ am Stummplatz. Die Wirtshäuser spendeten den Hüttenleuten „off die 
einzige Abwechslung im harten Arbeitsalltag“.* 280 
Geradezu anachronistisch mutet es angesichts des schlaglichtartig beschriebenen Be¬ 
deutungsaufschwungs Neunkirchens und seines zunehmend städtischen Gepräges an, 
dass es bis zum Jahre 1922 dauerte, ehe die rechtlich-formale Stadtwerdung unter Verei¬ 
nigung der Gemeinden Neunkirchen, Niederneunkirchen, Kohlhof und Wellesweiler 
erfolgte.281 Die späte Stadtwerdung im politisch-juristischen Sinne hängt wohl nicht 
unwesentlich mit fiskalischen Erwägungen Karl Ferdinand Stumms zusammen, der als 
Mitglied im Gemeinderat lange Zeit wesentlichen Einfluss auf die Stadtpolitik ausübte. 
Als größter Grundbesitzer war Stumm automatisch Mitglied im Gemeinderat, was sich 
bei einer Stadterhebung geändert hätte.282 Es ist davon auszugehen, dass Stumms Wort 
sierungstheorem, wonach in der Großstadt die Menschen zusehends isoliert worden seien. Klaus Ten- 
felde verweist klar auf den primär städtischen Charakter des Vereinswesens, wenn er schreibt: „Wenn 
das Vereinswesen eine städtische Erscheinung, Ausdruck stadtbürgerlicher Lebensweise, ist, dann müs¬ 
sen die Phasen und Formen der Verstädterung auch die Entwicklungsabschnitte der Vereinsgeschich¬ 
te maßgeblich bestimmt haben!' Siehe Tenfelde, Klaus: Die Entfaltung des Vereinswesens während 
der Industriellen Revolution in Deutschland (1850-1873), in: Dann, Otto (Hrsg.): Vereinswesen und 
bürgerliche Gesellschaff in Deutschland (Historische Zeitschrift, Beiheft 9), München 1984. S. 55-114, 
hier S. 72. 
1 s Vgl. Chronik von Neunkirchen, 5. Jg. Nr. 2, 1913, S. 9-16; Chronik von Neunkirchen, 5. Jg. Nr. 3, 
1913, S. 17-21. 
2_y Vgl. Mankel 2005, S. 251. 
280 Vgl. Lander 2005, S. 214. Alle Zitate und der Name der erwähnten Kneipe ebd. 
281 Zum Prozess der Stadtwerdung vgl. Stadtverwaltung Neunkirchen (Hrsg.) 1955, S. 165-172. 
Hier wird auch die längere, bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Debatte dokumentiert. 
282 Zu Stumms Rolle in der Lokalpolitik, besonders in der Frage der Stadtwerdung, vgl. Jacob 1993a, 
S. 135 ff, Ais Kandidat der freikonservativen Partei im Wahlkreis Ottweiler-St. Wendel-Meisenheim reich¬ 
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