Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

schäfts- oder Verwaltungsviertel.229 Zum anderen aber, oftmals damit einhergehend, 
griffen in der werdenden Stadt soziale Segregationsmechanismen. Heinz Reif unter¬ 
sucht diesen Prozess am Beispiel der werdenden Industriestadt Oberhausen, einer, wie 
Reff definiert, „industriellen Einwohnerstadt“.230 Dieser Stadttypus sei gekennzeichnet 
durch sein agglomeratives Wachstum im Windschatten der Industrie und durch eine 
nur schwach ausgeprägte Urbanität. In Oberhausen und vergleichbaren Städten hätten 
sich die Wohnviertel zunehmend „entmischt“:2'1 Die Wohngebiete von Bürgern und 
Arbeitern hätten sich getrennt voneinander entwickelt, die soziale Hierarchisierung der 
Gesellschaft habe sich in räumlichen Aspekten niedergeschlagen.232 
Die von Reff und anderen konstatierte soziale Segregation ist freilich ein idealtypisches 
Modell der Stadtentwicklung, das sich jeweils am konkreten Fallbeispiel messen lassen 
muss. Oftmals flössen Arbeiter-, bürgerliche oder mittelständische Wohnviertel relativ 
nahtlos ineinander und gerade die in der Schwerindustrie geförderten Werkssiedlungen 
näherten sich in qualitativer Hinsicht mittelständischen und bürgerlichen Wohngebie¬ 
ten an.2’3 Außerdem wurden Agglomerations- und Viertelbildungsprozesse häufig abge¬ 
schwächt durch andere Siedlungsweisen. So war etwa im Saarrevier das Pendlerwesen weit 
verbreitet: Die Arbeiter blieben im Heimatdorf wohnen und pendelten täglich oder wö¬ 
chentlich zum Arbeitsplatz und zurück.234 Der Prozess der Viertelbildung scheint - soviel 
sei an dieser Stelle schon vorweggenommen - in Diidelingen bisweilen klarer ausgeprägt 
gewesen zu sein, was nicht zuletzt auf die Bedeutung der Fernmigration und die nationale 
Ausdifferenzierung der Arbeiterbevölkerung zurückzuführen ist. 
229 Vgl. Reulecke 198s, S. 88-91. 
230 Reif, Heinz: Arbeiter und Unternehmer in Städten des westlichen Ruhrgebiets 1850-1930. Räum¬ 
liche Aspekte einer Klassenbeziehung, in: Kocka, Jürgen (Hrsg.): Arbeiter und Bürger im 19. Jahr¬ 
hundert. Varianten ihres Verhältnisses im europäischen Vergleich (Schriften des Historischen Kollegs/ 
Kolloquien, Bd. 7), München 1986, S. 151-181, hier S. 15z. Zum Begriff der „sozialen Segregation“ vgl. 
auch Reulecke 1985, S. 91-95. 
231 Reif 1986, S. 155. 
232 Vgl. ebd., passim; Fritzsche, Bruno: Das Quartier als Lebensraum, in: Conze, Werner/ENGEL- 
hardt, Ulrich (Hrsgg.): Arbeiterexistenz im 19. Jahrhundert (Industrielle Welt, Bd. 33), Stuttgart 1981, 
S. 9Z-113. Fritzsche spricht von einem „Korrelat von sozialer und physischer Distanz in der räumlichen 
Verteilung der Sozialgruppen in der Stadt“. Siehe ebd„ S. 94. 
233 Zu den in der Schwerindustrie und im Bergbau geförderten Werkssiedlungen vgl. Reif 1986, 
S. 168-173; Kraus, Antje: Wohnverhältnisse und Lebensbedingungen von Hütten- und Bergarbeiter¬ 
familien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Arbeitersiedlungen der Carlshütte in Büdels- 
dorf (Rendsburg) und der Zeche Rheinelbe/Alma in Ockendorf (Gelsenkirchen), in: Conze, Werner/ 
Engelhardt, Ulrich (Hrsgg.): Arbeiter im Industrialisierungsprozeß. Herkunft, Lage und Verhalten 
(Industrielle Welt, Bd. z8), Stuttgart 1979, S. 163-194. Die betriebliche Wohnungsbaupolitik wird im 
Verlaufe der Untersuchung noch zu analysieren sein, 
234 Zur Bedeutung des Pendlerwesens für die Arbeiterschaft der Saarregion vgl. Fehn, Klaus: Das saar¬ 
ländische Arbeiterbauerntum im 19. und zo. Jahrhundert, in: Kellenbenz, Hermann (Hrsg.): Agrari¬ 
sche Nebengewerbe und Formen der Reagrarisierung im Spätmittelalter und 19./zo. Jahrhundert (For¬ 
schungen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. zi), Stuttgart 1975, S. 195-Z17, bes. S. 197-zoz. 
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