Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

ern. In Neunkirchen wie in Düdelingen konnte man zudem, angesichts der blockierten 
Organisationsgeschichte vor 1914, auf- das überaus schnelle Anwachsen und die raschen 
Erfolge der Bewegung verweisen. 
Neben den leitmotivisch auftauchenden Topoi dürfen die Maiansprachen aber auch 
als Indikator aktueller politischer Entwicklungen gelten. So lassen sich aus den verschie¬ 
denen Festreden der Zwischenkriegszeit in diachroner Perspektive wechselnde Problem¬ 
lagen herausschälen. In den Nachkriegsjahren drängte man auf schnelle Überwindung 
der Krisensymptome. So forderten die Autoren der Resolution von 1910 im Saargebiet 
eine Bekämpfung der Teuerung vor allem von Lebensmitteln und Brennmaterial sowie 
ein Verbot von Wucher und Schleichhandel. Tagesaktuell waren ebenso der Ruf nach 
Abrüstung und „Beendigung des imperialistischen Militarismus“ angesichts der verhee¬ 
renden Ausmaße des Ersten Weltkriegs. Der spezifischen Situation des Saargebiets ge¬ 
schuldet waren schließlich die Forderung eines demokratischen Wahlrechts sowie nach 
dem Abzug des französischen Militärs. Ganz explizit wollte man die „Zurückziehung 
der farbigen Besatzungstruppen“.096 Somit liefern die Maifeiern einen weiteren Beleg 
dafür, dass der rhetorische Internationalismus der Arbeiterbewegung in der Praxis regel¬ 
mäßig an Grenzen stieß. Die Nachkriegspressionen und die daraus abgeleiteten Forde¬ 
rungen spielten auch in Luxemburg eine wichtige Rolle, besonders der Ruf nach Sozi¬ 
alisierungen wurde laut: „Wir fordern: Die Sozialisierung der Produktionsmittel [und] 
sofortige Nationalisierung der Eisenbahnen“, hieß es am 1. Mai 1920 im Proletarier.69 
Im gleichen Jahr wurden in der im Minettebassin zirkulierenden Mairesolution gar die 
„Abschaffung der ausbeutenden Privatwirtschaft“ sowie die „soziale Revolution“ ein¬ 
gefordert.* 698 So spiegelt sich in den Aufrufen zum 1. Mai die aufgeladene Situation der 
Nachkriegszeit, wenngleich derart radikale Bekenntnisse Rhetorik blieben, der tatsäch¬ 
lich eher defensiven Programmatik nicht unbedingt entsprachen und wohl hauptsäch¬ 
lich einem Mobilisierungszweck dienten. 
Seit Mitte der Zwanzigerjahre spiegelte sich in den Berichterstattungen zu den Maifei¬ 
ern immer deutlicher die inzwischen weltanschaulich aufgeladene Spaltung der Arbeiter¬ 
bewegung wider.699 Bis 1928 hatten sich in Neunkirchen die Positionen derart weit vonei¬ 
69i Siehe noch einmal die Resolution im vollen Text: Die Volksstimme, 3. Mai 1920. 
697 Der Proletarier, 1. Mai 1920. 
698 Siehe Der Proletarier, 8. Mai 1920. 
699 Der 1. Mai bot während der Zwischenkriegszeit auch immer wieder die Bühne für gewalttätige 
Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, während des ,Berliner Blut¬ 
mais1 1929 gab es sogar etliche Todesopfer. Hier ging die Polizei, die unter dem Kommando der SPD¬ 
geführten Regierung stand, gegen eine nicht genehmigte kommunistische Demonstration vor. Die 
Auseinandersetzungen zogen sich bis zum 3. Mai hin und forderten mehr als 30 Todesopfer. Vgl. dazu 
Schirmann, Leon: Neues zur Geschichte des Berliner Blutmai 1929, in: 100 Jahre Erster Mai. Beiträge 
und Projekte zur Geschichte der Maifeiern in Deutschland. Ein Tagungsbericht, Berlin 1989, S. 43-54; 
außerdem Winkler N988, S. 672-677. Selbstverständlich erreichte die Polarisierung und Radikalisie- 
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