Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

Wie oben anhand des Fortwirkens landwirtschaftlicher Erwerbsformen in Neun¬ 
kirchen gezeigt wurde, darf der Typus des reinen Lohnarbeiters nur als Modell gelten. 
Auch wenn er hier und da, gerade in den industriellen Ballungszentren, sozusagen in 
Reinform auftrat, so war die Lohnarbeiterexistenz im Zeitalter der Industrialisierung 
doch vielfach gebrochen und relativiert. Dazu trug unter anderem die Versorgung nicht 
weniger Arbeiter mit landwirtschaftlichen Produktionsmitteln bei. Der Lohnarbeiter 
bildete gemeinsam mit den oben thematisierten Angestellten beziehungsweise Privatbe¬ 
amten sowie den Unternehmern die Belegschaft einer industriellen Fabrik, die zugleich 
die gesellschaftliche Hierarchie im Industriezeitalter gewissermaßen präfigurierte: „Die 
Sozialstruktur der industriellen Gesellschaft entwickelte sich aus der Fabrik.“5'1 Freilich 
war die industrielle Gesellschaft wesentlich vielschichtiger. Zudem sollten die zahlrei¬ 
chen Schattierungen und Binnendifferenzierungen innerhalb der Großgruppen nicht 
vergessen werden. Die Arbeiterschaft war ebenso wenig ein monolithischer Block wie 
das bunt gescheckte Heer der Angestellten. Die Hüttenindustrie mit ihren zum Teil 
riesigen und sich ständig modernisierenden Großbetrieben bildete die hier nur grob 
umrissenen allgemeinen Merkmale industrieller Arbeit in weitreichendem Umfang aus, 
i.z Arbeitsbedingungen, Arbeitsbelastungen, Arbeitsgefährdungen 
Lohn- und Zeitdruck stellten nur zwei der zahlreichen Belastungen dar, denen der Ar¬ 
beiter bei seiner Tätigkeit in der Fabrik ausgesetzt war. Auch wenn die Arbeitszeiten 
klar geregelt waren und im Betrachtungszeitraum nicht mehr die extensiven Ausmaße 
der Frühmdustrialisierung annahmen, so mussten doch immerhin - wenigstens bis zum 
Ersten Weltkrieg - zwölfstündige Schichten gefahren werden. Die Arbeitsintensität war 
zudem hoch, gerade in Phasen der Hochkonjunktur. Gleiches gilt für die physischen 
70 Hüttenleuten (3,3 %). Aus einer Stichprobe der Düdelinger Stammrollen von 1931 geht hervor, dass 
666 von 945 Arbeitern (70,5%) zwischen 11 und 40 Jahre alt waren, nur 104 (2.1,6 %) älter. Hier war 
der Anteil der jüngeren Arbeiter besonders gering mit 75 Personen (7,9 %). Hinweise finden sich außer¬ 
dem für die Verwendung älterer oder nicht mehr voll leistungsfähiger Arbeiter, wenn es etwa in einer 
Notiz des Neunkircher Werkdirektors Turk aus dem Jahr 1908 heißt: „Um die Invaliden verschiedener 
Betriebe unterbringen zu können, wäre es wohl angezeigt, wenn wir die Erzeugung und den Verkauf 
von Selterswasser selbst in die Hand nehmen würden. Dadurch könnten einige Leute beschäftigt und 
aus dem Erträgnis bezahlt werden, das jetzt dem Huppert [einem örtlichen Getränkehändler] in die 
Tasche fällt.“ Als Invaliden firmieren hier wohl nicht nur körperlich Versehrte, sondern auch ältere Ar¬ 
beiter. Zitiert nach StA Nk, Dep. Saarstahl AG, 356-9-4-1874-40. In der Düdelinger Werksstatistik aus 
dem Jahr 1913 fällt auf, dass die durchschnittliche Dienstzeit im Kesselhaus mit 11,3 Jahren mit Abstand 
am höchsten war, während der Gesamtdurchschnitt gerade mal bei etwas mehr als fünfjahren lag. Die 
Position als Kesselwärter war wohl ein adäquates Refugium älterer, nicht mehr voll belastbarer Ar¬ 
beiter. Siehe dazu AnLux, ADU-U1-93. Eine weitere, älteren Arbeitern oft zugewiesene Stelle war die 
des Pförtners, deren Zahl freilich begrenzt war. Zu diesem Themenkomplex folgen in Kapitel IV noch 
ausführliche Darlegungen. 
Vl Ruppert 1983, S. 47. 
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