Volltext: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

„In dieser Zeit [erste Hälfte des 19. Jahrhunderts] wuchs allgemein die Bevölkerung sehr rasch: 
so hatte Lambsborn 1835 bereits 500 Einwohner. Ackerbau und Viehzucht waren nach wie vor 
die Lebensgrundlage für die meisten Leute. Wer genügend Land und Vieh besaß, schätzte 
sich glücklich. Wie seit alten Zeiten gab es aber die sog. Realteilung: Wenn die erwachsenen 
Kinder heirateten, wurde der gesamte Besitz [...] geteilt. [...] Wer keinen Grundbesitz hatte 
und auch kein Handwerk erlernte, war gezwungen, als,Tagner bei den Bauern zu arbeiten. 
Manche zogen es aber vor, der Heimat den Rücken zu kehren. ’92 
Im Folgenden werden etliche Personen aufgezählt, die nach Amerika auswanderten. 
Diese Form der Abwanderung habe dann aber in ihrer Bedeutung nachgelassen, wo¬ 
hingegen immer mehr Menschen Lohn und Auskommen in der regionalen Industrie 
fanden. In Lambsborn sei seit 1870 „eine Umschichtung [...] von einem Bauerndorf zur 
Arbeitergemeinde“ vollzogen worden.’9' Die Zusammenhänge für Lambsborn, wo etli¬ 
che Bewohner im Neunkircher Eisenwerk Beschäftigung fanden, sind also recht klar: Es 
handelte sich um eine kleine Agrargemeinde, die infolge der geltenden Agrarverfassung 
in eine tiefe Strukturkrise stürzte, viele Bewohner durch überseeische Auswanderung 
verlor und schließlich Arbeitskräfte für die entstehende Industrie freisetzte. 
Die Sozialgeschichte von Lambsborn, das an der Westgrenze des heutigen Bundes¬ 
landes Rheinland-Pfalz liegt, ist geradezu paradigmatisch für zahlreiche Dörfer in der 
Saarregion. Es soll noch ein zweites Beispiel angeführt werden: Bierbach* 594 595 im weitge¬ 
hend zum bayerischen Kanton Blieskastel zählenden Bliesgau, das als pars pro toto gel¬ 
ten darf für zahlreiche Nachbargemeinden wie etwa Lautzkirchen oder Blickweiler, die 
in den Neunkircher Fremdenbüchern ebenfalls als Herkunftsorte auftauchen. Auch in 
Bierbach kann im früheren 19. Jahrhundert durchaus von einer pauperisierten Ortschaft 
gesprochen werden, in der sich die Menschen vor allem als Kleinbauern und Tagelöhner 
verdingten. Industrialisierung und Eisenbahnbau jedoch brachten eine gewisse Wende, 
wie die Dorfchronik anlässlich des 750-jährigen Bestehens zu berichten weiß: 
„Gleichlaufend mit der Entstehung des Eisenbahnnetzes um unseren Heimatort und mit der 
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Hebung des Steinkohlenbergbaus im Saarkohlengebiet wuchs auch die Bedeutung der Ei- 
D D D D 
senindustrie. Die Bierbacher wandten sich nach St. Ingbert ,auf die Schmelz und nach Neun- 
kirchen zur Hütte und wurden Hüttenarbeiter. [...] Bierbach wird zum Arbeiterdorf’9’ 
Bis hin zum Topos des Wandels vom Bauern- zum Arbeiterdorf ähneln sich die Be¬ 
schreibungen frappierend. Die Bierbacher Chronisten betonen allerdings viel stärker 
einen ganz wichtigen Faktor, der die Wanderungen hin zur Industrie wesentlich begüns¬ 
192 Neumann/Bonkhoff 1983, S. 108. 
593 Ebd., S. 137. 
’9‘ Siehe Abbildung 7. 
595 Stadt Blieskastel Stadtteil Bierbach (Hrsg.): 750 Jahre Bierbach 1130-1980, Blieskastel 
o. J., S. 18z. Hervorhebung im Original. 
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