Full text: Die Prinzessin von Ahlden und Graf Königsmark in der erzählenden Dichtung

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— „Christine" heißt sie hier — unter dem Bilde der Jungfrau Maria, 
dar literarische Gewand: die Novelle. 
Daneben wirkt noch kräftig Sturm und Drang. Offenbar durch 
Vermittelung der einen Ouelle, des Dramas Ueitzensteins. hieraus floß 
die Nousseau'sche Sehnsucht nach dem seligen coin du monde, die die 
Liebenden erfüllt, der Gedanke des Standesunterschieds, die Verfechtung 
der Souveränität des Herzens. Neben zahlreichen Gedanken auch 
Charakter und handeln der Vertrauten der Prinzessin, die als Schutzgeist 
der Liebenden auftritt, und der Freund und Mentor Königsmarks, dort 
Wilhelm, hier Prinz Karl von Hannover. Indem Worosdar diesen zum 
passiven Liebhaber der Prinzessin machte, gab er ihm verstärkt die 
Wesensart von Veitzensteins Helden. Ruch die empfindsame Freundschaft 
Varls und Königsmarks stammt aus der Zeit, wo man „harmonisch 
schlagende" Herzen und hornene Lorenzodosen tauschte. 
Die „Histoire secrette“ und Kramers „Denkwürdigkeiten der 
Gräfin Maria Rurora Königsmark" (1836) — eine Sammlung von 
nicht immer echten Dokumenten aus dem Jahr der Katastrophe (1694) 
— stellten den äußeren verlaus, Menantes den Vornamen der platen, 
„Rdine", ihr Liebeswerben um Königsmark, das sich bis zur koketten 
Enthüllung ihrer Reize versteigt, die Lebensrettung der Prinzessin im 
celler Walde durch den Jugendfreund und dessen Kriegszug. Zur 
Vermittlerrolle, die bei Menantes die redende Kunst spielt, kommt hier 
die der tönenden und bildenden Kunst. — 
Rus allen Vorlagen aber hob der Rutor im wesentlichen nur die 
triebkräftigen Motive heraus und verwob und vertiefte sie im Sinne 
eines Problems, einer Idee, die hier zum erstenmale in der erzählenden 
Literatur sichtbar und klar die Gegebenheiten durchleuchtet. Und darin 
liegt die historische Bedeutung dieser Novelle. Cs ist die Idee der sitt¬ 
lichen Selbstbefreiung der Prinzessin, ihres Durchringens von Konvention 
zur Selbstbestimmung, die nicht ohne psychologische Kunst in die Realität 
umgesetzt wird: 
Trotzdem Christine von Celle das Gpfer der Politik geworden ist, von 
ihrem Gemahl seiner Mätresse Henriette aufgeopfert und kalt und herzlos 
behandelt wird, bemüht sie sich nach besten Kräften, eine wahre Gattin 
zu sein. Daher weist sie die Liebe ihres Jugendfreundes Königsmark 
zurück, obwohl sie ihm gleiche Gefühle entgegenbringt. Der Rutorität 
der Sitte sich beugend widmet sie ihm nur die „Sympathie des Geistes", 
als er sein Leben gegen die Türken wagt, um sich selbst vor seinem
	        

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